Schultriger Mann mit einem gesunden bäuerlichen Gesicht. Aber jetzt war die Haut unter den Backenknochen grau und die Augen lagen tief. Er trat an den Tisch heran, beugte sich vor, brachte seine Nase fast an den Docht des zitternden Lichtes und an das Gesicht des Pfarrers heran, und seine Stimme war heiser, er sagte:„Und das sagen Sie, Sie als Pfarrer! Das finde ich unerhört!“
„Lieber Oberfeldveterinär... erwiderte der Pfarrer, und es kam kläglich aus seinem Munde und war flehend und sollte heißen: Laßt mich doch endlich in Frieden, und nun fangen Sie doch nicht auch noch an! Der Oberfeldveterinãr drehte sich um und warf᷑ Sich wieder auf seine Pritsche. Mach einer Weile legte sich auch der Pfarrer nieder. Das Licht auf᷑ dem Tisch ging aus, und in der Finsternis übermannte alle der Schlaf. Fine schwere Detonation weckte sie auf, dieses Mal auch den Zahlmeisteranwärter Schweidnitz . Aber nicht Schweidnitz — Zabel war es, der aufschrie:„Panzer“] Und gleich danach krachte ein Schuß, und von der Pritsche des Oberfeldveterinärs rollte ein Körper herunter und schlug schwer an den Boden hin.
„Donnerwetter, der Oberfeldveterinär!“ rief der Pfarrer. Das Wort war kaum aus seinem Munde, als wieder ein Schuß krachte und es dem Pfarrer wie von einer nassen Hand ins Gesicht Katschte. Die Finger, mit denen er sich über die Stirn und die Augen fuhr, griffen in eine weiche warme Masse, es war das Gehirn des Oberveteri- närs. Schweidnitz hatte ein Streichholz angezündet und im Aufblicken gesehen, Was geschehen war.„Der Oberveterinär hat sich durch den Mund geschossen!“ sagte er mit seiner Knabenstimme.
„Das hätte er aber auch draußen abmachen können, der Herr Oberfeldveterinär ebenfalls. Soviel Rücksicht auf die andern darf man doch wohl erwarten]“ Pas war Stabs?ahlmeister Zabel, und herausgeforderte Wohlerzogenheit und Enttäuschung über einen alten Kameraden, dem man„sowas doch nicht zugetraut hätte, fand hier einen Ausdruck. Pfarrer Koog aber war hellhörig, er vernahm die Nuance, auf welche es hier ankam; dazu erblickte er im Schein des verlöschenden Streich- holzes Zabel, dessen Rücken und auch dessen Hand, die den Pelzmantel zurück- schlug und nach der hinteren Hosentasche hinfuhr, und er sah Zabel der Tür zu- streben. Koog verlor keine Zeit, griff nach seiner Pelzmütze, fand sie nicht und lief ohne Pelzmütze hinaus. Er stolperte durch den Gang, gelangte ins Freie und kam noch eben zurecht, um vor sich im Schneegestöber den Stabszahlmeister wieder zu erblicken. Er war hinter ihm her, packte ihn am Mantel, umklammerte gleich danach dessen Handgelenk, entwand ihm die Waffe, die er in den Schnee hinaus- schleuderte.„Mensch! Zabel!“ fuhr er ihn an:„Ein ausgewachsener vierzigjähriger Mensch, zwei Töchter, eine Frau hat er zu Hause. Die Frau hat den Laden, hat den Arger mit dem Finanzamt, mit den Steuern, mit hunderterlei Abgaben, mit Sammeltõpfen und wenn dem Zabel hier etwas Passiert, das heißt, wenn dieses feige Tier selber Hand an sich legt, dann mag sie sehen, wo sie bleibt, dann kann sie ihren Laden zumachen, die beiden kleinen Mädchen, wie heißen sie denn, Irm- gard und Hanne, scheint mir, die kann sie umbringen, mit einem Strick oder mit
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