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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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die Erde. Und es war kein Stalingrad mehr, wat keine Steppe mehr. Es war nichts mehr als nur noch die Gewalt der Luft es war das Nichts, das von eisigen Nadeln durchfegte, in rasender Bewegung befindliche Nichts.

Ein Wetter, dem gegenüber menschliche Sinne versagen. Und der Kalmücke, der unterwegs davon überrascht wird, schließt die Augen, zieht sich in seinen Schaf- pelz zZurück, ist nicht mehr vorhanden. Er überläßt es seinem Pferdchen, den Weg zu finden, und dieses struppige Pferdchen findet durch den Schnee.

Der über die Steppe treibende Zahlmeisteranwärter Schweidnitz kannte weder das Land unter seinen Füßen, noch hatte er einen rasenden Himmel erlebt, wie der war, der ihn umtobte. Wie konnte er jemals wieder zu Menschen gelangen, und wie ge- langte er schließlich nach Werchnje-Jelschanka und auf dem Weg nach Werchnje- Jelschanka in eine Hütte er wußte nicht, daß es nur dem Umstand zu verdanken war, daß er abschüssigen Boden unter den Füßen gehabt und er nicht anders als ein Klumpen geballten Schnees die Hänge des Tals hinuntergerollt war, und er so, immer wieder aus der weißen Flut auftauchend, in die Mitte des Zarizatals gelangte, wo der Wind ihn erfaßt und gleich einem entwurzelten dornigen Hexenbusch herum- gewirbelt und vor sich hergetrieben hatte, bis er, und ebenso wie ein Dornengestrüpp, sich an einem Pfahl festklammerte; er wußte auch nicht mehr, hatte der Wind oder hatten Geschütze so laut geheult, und das Aufflackern eines zerberstenden Geschosses war ihm wie ein im Dunst aufscheinendes gelbes Fenster erschienen.

Ein Soldat hat dieses Häufchen Unglück aufgefunden, mit betäubtem Kopf und mit beiden Armen an einem Holzpfahl angeklammert. Der Soldat hatte den Namen und Zahlmeisterrang erfahren und ihn zu einer Hütte geführt, von der er wußte, daß sie einen Stabszahlmeister und einen Veterinär und einige Beamte beherbergte. Und da saß Schweidnit? dann mũde und krumm auf einem Hocker, und der Kopf Sank ihm auf die Brust. Er blickte sich um, erkannte seinen Stabszahlmeister, er- kannte den Oberfeldveterinär, erkannte den Nachbar Oberveterinär(den evange- lischen Pfarrer Koog kannte er nicht), und er lächelte; er war wieder zu Hause neunzehn Jahre war Schweidnitz alt.

Ein Gespräch wurde geführt:

Was haben Sie aufgeklärt?Nichts!

Haben Sie was gesprengt?Nichts!

Wo haben Sie Ihre Waffen?Haben die Russen!

Dieses Gespräch vernahm Zahlmeisteranwärter Schweidnitz schon wie durch dicke Wãnde, und so vernahm er auch, wie Stabszahlmeister, Oberfeldveterinär, Ober- veterinãr, Kriegsgerichtsrat, Pfarrer ihre Pelze anzogen, Koppel umschnallten, Maschinenpistolen an sich nahmen und hinausstapften.

Stunden vergingen, bis die Männer zurückkehrten. Sie hatten draußen die Flüchten- den angehalten( A, IB, und der II A, II B der Division hatten gleichzeitig andere Zugangswege nach Zariza-Süd abgeriegelt). Schweidnitz lag, als sie eintraten, auf einer der Pritschen und schlief wie ein Stein.

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