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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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welche auf der Lauer lagen. Und eine auf der Sttaße liegende Wurst konnte für den, der sie erlangen wollte, zu einer Gefahr von hüben als auch von drüben und konnte zu einem Köder werden und eine russische Kugel oder aber auch den Blick eines deutschen Feldpolizisten auf den Verhungernden ziehen; für den aber war das eine ebenso schlimm wie das andere. Und dort, wo das Brot oder die Würste oder Kon- Servenbüchsen in verwickelten Gängen und zwischen Hausdurchbrüchen nieder- gingen, und nächtliche Schatten auftaumelten und im nãchsten Augenblick in einem der vielen Löcher verschwanden, war das Jagdgebiet der Feldpolizisten. Sie durch- kämmten zu jeder Stunde die Kellerwelt, in Poppelposten oder auch in Streifen zu vier Mann traten sie auf. Der Beruf, den sie ausübten, ernährte seinen Mann noch und, verglichen mit den lädierten Stalingradkãmpfern und den Pulvergesichtern aus hundert Gefechten, hatten sie ein strotzendes Aussehen; ihr Auftreten war kein Schlappes, und ihre Blicke waren nicht trübe, und was sie Sagten, war bedeutungs- voll. Sie sagten:Da hockt einer! Los, steh mal auf, was hast'n da in der Kiste? Mehl, Dauerbrot, schön eingepackt in Zellophanpapier, hm! Mu, los, mitkommen! Da ist noch einer! Breite Brust, was? Laß mal sehen, was hast'n da unter der Jacke? Eine Wurst, eine Salami, und noch eine. Los, mitkommen! Und du, mein Freund! Erwartest wohl was Kleines? Glotz doch nicht so dämlich, den Bauch meine ich, was hast'n da untergestopft? Los,'n bißchen schneller, aufgeknöpft! Da hast du die Bescherung, kein Siebenmonatskind, ein halber Schinken! Was heißt hier Panzer- jäger, Obergefreiter Rieß, SS-Sturmmann gewesen, Generalgouvernement Polen ge- wesen, das wollen wir ja alles gar nicht wissen, Blutgruppe, Freischwimmer, Rasse- zeugnis brauchen wir alles nicht. Los, raus! Raus! Alle raus! Und draußen in der Schneenacht ging es dann nicht mehr weit. Aus einem andern Keller kam noch ein Trupp Feldpolizisten heraus, auch sie führten einige Arrestanten mit sich. Finer von dem andern Trupp sagte:Aber das ist hier eine Gesellschaft, das hättet ihr mal Schen müssen. Aus Munitionskisten und Handgranatenkisten haben sie eine blinde Wand aufgebaut, und dahinter ein ganzes Lager, Sogar Kaffee haben sie gehabt. Na, schön! Hier kann's passieren!

Schnee fel von dem dunklen Himmel, auf der einen Seite ein Bretterzaun, auf der anderen Seite das hohle Fenster einer Hausruine, das war der Winkel. Plünderer eind binnen vierundzwanzig Stunden zu erschießen! lautete der Armeebefehl; hier waren keine vierundzwanzig Minuten vergangen. Ein Feuerstoß aus MPs, ein paar nachhallende Schüsse aus Pistolen, und acht Mann waren hingestreckt. Und Schnee legte sich auf die Gestalten von Selbstmördern, auf die Leiber und Mäntel der Füsi- lierten.

Schnee fiel vom Himmel, zuerst in dicken, schweren Flocken und fast senkrecht. Pann sprang ein Wind auf und zerbrach die fallenden Kristalle und trieb sie in schräger Bahn über das Ruinen- und Steingetümmel und weiter über das Land. Der Wind wurde stärker. Er hatte unendliche Räume himter sich und wuchs zum Sturm. Und Bellen und Heulen, von allen Seiten fielen die Schläge und peitschten

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