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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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5. 9. 39 Kampf um die Narewübergänge, 15. 9. 39 Verfolgung in Ostpolen , und Spãter: TI. 5. 40 Ubergang über die Maas bei Maastricht , 17. 5. 40 bis 28.§. 40 Verfolgungskãmpfe von der Dyle bis zum Charleroi -Kanal, Kãmpfe um den Mormal- wald, Schlacht um Dünkirchen , und schließlich: 22. 6. 41: Finsatz im Osten; wen wird das alles bekümmern, und wer fragt in jener dunstigen Abendstunde auf dem Platz der Gefallenen danach? Der General, der aus der Ruine des Kaufhauses herauskam, an der 10,5-cm-Haubitze vorbeiging und eiligen Schrittes der Wolga und dem Straßengewirr dort zustrebte und sich dann wieder umwandte, blickte sich, als er ein paar Karabinerschüsse über den Platz peitschen hörte, nicht danach um; und der Posten, der den Lauf seines Karabiners durch einen der Barrikaden- haufen hindurchgeschoben und der den Soldaten zum letztenmal als lebende Figur vor sich gehabt hatte, hatte nichts als eine zerzauste Gestalt mit den im Lauf geblähten und flatternden Mantelenden auf den kreidigweißen Platz hinaufstieben schen, und hatte nicht einmal den Wahnsinn in den flackernden Menschenaugen und kaum mehr als den Mantelknopf über dem Brustbein, nach dem er zielte, be- merkt. Der Befehl lautete: Ohne Anruf schießen! Und so drückte er ab, und der Soldat fiel und schlug etliche Meter vor dem Laib Brot, nach welchem er die Hand ausstrecken wollte, auf das Gesicht hin. Und nach einer Weile fiel an einer anderen Stelle des Platzes wieder ein Schuß.

Das geschah in Stalingrad-Mitte auf demPlatz der Gefallenen.

Nicht anders war es in Stalingrad-Nord. Auch dort gab es, und nicht weit von den Weißen Häusern entfernt, einen von Scheinwerferlicht übergossenen weiten Platz: auch dort gab es ein Empfangskommando und eine Absperrtruppe; auch dort fragte der MP-Schütze nicht danach, ob der Soldat Ewald Stüwe hieß, ob dessen Frau, Mathilde Stüwe, in Köln ihre Nächte im Luftschutzkeller und ihte Tage in der Waffenfabrik unter dem Licht einer grellen Lampe zubringt. Der Schütze wußte nichts davon und wollte auch nichts wissen, daß der Soldat vor wenigen Tagen noch bei Woroponowo im Splitterregen gelegen und Nahkämpfe mitgemacht, und daß er, schon am Arm verwundet, noch bei den Kämpfen um ein Gehöft ein MG be- dient und seither sich auf der Wanderung von Hauptverbandplatz zu Hauptverband- platz befunden und Tage und Nãchte in Kellern zugebracht hatte ohne einen Bissen Brot. Der Schütze hob seine MP und ließ einen Feuerstoß los, und die Geschosse Zerfetzten dem Soldaten Leber und Nieren, und wie Franz Liebich auf demPlatz der Gefallenen, brach im Nordkessel auf dem Platz bei denWeißen Häusern Ewald Stüwe zusammen.

Die von den Transportflugzeugen abgeworfenen Ladungen gingen aber nicht nur auf die Plätze nieder. Es fielen Brote und Hartwürste auch in das Kampfgebiet, auch in die russischen Stellungen, auch auf Plätze zwischen den Stellungen, auch in Ruinenhaufen, auf Höfe und Hinterhöle, auf Labyrinthwege und Trampelpfade. Und hier waren es nicht die Posten der Erfassungskommandos mit den weißen Arm- binden, hier waren es Feldgendarme mit umgehängten Blechschildern vor der Brust,

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