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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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dem Schicksal, von ihrem Führer zum Letzten verurteilt, und gehalten, an ihren Männern das letzte Urteil zu vollziehen, und wie sie da beieinander versammelt waren, nichts als ein einziges Hackenzusammenschlagen und ein einziges gehorsames: Befehl wird ausgeführt!

Befehl wird ausgeführt auch gegen besseres Wissen, auch gegen Gewissen, auch gegen Bhre. Der weißhaarige General aus Gumrak dreißig Jahre Soldat, zwei- hundert Jahre soldatische Tradition taumelte auf. Ist es möglich, daß Befehl und Ehre nicht vereinbar sind? Ja, es ist möglich, es vollzieht sich vor seinen Augen! Das kultivierte Gesicht des Oberbefehlshabers, der Pferdekopf des Chefs des Stabes, das Katzengesicht des Obersten Carras mit den grünen Augen, die ganze Tisch- runde, Gesichter, Achselstücke, Ordensschnallen, drehte sich um ihn im Kreise. Er war in dieser Minute noch weißer, sein Gesicht noch dünner geworden. Drei Kulminationspunkte- fassen wir doch noch einmal zusammen, meine Herren! Am 22. November 1942 erhalten wir den Befehl zur Finigelung. Fin Befehl, wie ihn die ganze Kriegsgeschichte nicht kennt, zumal für eine so große Armee, zwei- undzwanzig Divisionen, dreihunderttausend Mann. Wie sollen sie versorgt werden wir haben unsere Bedenken ausgesprochen! Heute wissen wir: auch Generalfeld- marschall von Manstein, Generalfeldmarschall von Weichs, selbst der vom Führer ausgesuchte Chef des Generalstabes, General Zeitzler, auch die Generale der Luft- waffe ⁊weifelten an der Mõglichkeit einer ausreichenden Versorgung. Die schwierige Wetterlage, das zu überfliegende und bei der rapid zurückfallenden Front tãglich weiter werdende Gelände, noch dazu weit übersehbare Steppe, ohne Baum, ohne Strauch, die langsamen Transportmaschinen der Erdabwehr in hohem Maße aus- gesetzt, das waren die Uberlegungen. Aber was war da eigentlich los? Auf den Waldaihöhen war es mit sechs Divisionengeglückt, warum sollte es hier nicht mit 22 Divisionen glücken! Entschuldigen Sie, meine Herren! Das etwa war die Betrachtung, der Gigantismus lockte! Und heute wissen wir: ein einziger stand auf, der Reichsmarschall stand auf und sagte:Mein Führer, ich übernehme die Ver- Sorgung der 6. Armee! Fine Stimme dagegen wogen die Bedenken von zwei Heerführern, von zwei Generalen der Luftwaffe, vom Chef des Generalstabes gering, dagegen wog unsere eigene Beurteilung der Lage gering. Wir erhielten den Befchl, und wir gehorchten gegen unsere andersartige Einschätzung der Lage Das war am 22. November 1942.

Der andere Stichtag ist der 10. Januar, das russische Kapitulationsangebot(der General bemerkte einen Augenblick das kalte Gleißen auf dem Gesicht des Chefs des Stabes, der damals in Vertretung des Oberbefehlshabers den Schießbefehl gegen auftauchende russische Parlamentäre herausgegeben hatte). Nun, meine Herren, wir pfiffen damals tatsãchlich schon auf dem letzten Loch. Wir hatten die Ruhr und hatten den Erschõpfungstod in der Truppe. Uber hunderttausend Leichname unserer Männer hinweg hatte sich der Bankrott der Luftversorgung erwiesen. Es hätte nun genug sein können. Wir berieten den Oberbefehlshaber und verlangten Handlungs-

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