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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Holmers saß vor dem Ruinenblock auf dem Schuttfeld. Uber sich hatte er den Himmel, der war sternklar. Im Süden über Stalingrad-Mitte brodelten Brände und stiegen dicke Rauchmassen auf. Da saß er also, da war er angelangt. Und sein Alter hatte recht gehabt. Ein Bruch war es gewesen an seinem ganzen Herkommen, und zugleich war da ein grober Knochenbruch an hergebrachter Nüchternheit, Soliditãt und fundiertem Selbstbewußtsein vorgenommen worden. Vier und fünf Genera- tionen genau rechnender, nach dem Möglichen trachtender und das Mõgliche er- reichender Kaufleute nur zu dem Ende, daß er alle vermiedenen Dummheiten gehäuft begeht, daß er mit LKWs und Zugmaschinen und zwölf 15cm-Haubitzen durch Länder zieht und zwölf Kanonen auf den Mond am Himmel, auf das Un- mõgliche richten und auch abfeuern und mit Trinitrozellulose, mit Eisen und dickem Korditrauch einen Schlußstrich unter alles Uberbrachte und unter alle hergekom- menen Maße von Wert und Vernunft setzen läßt. Eine wahrhaft niederschmetternde Bilanz und imstande, auch einen ruhigen Mann aus der Fassung zu bringen.

Der Stalingrader Himmel war von brodelndem Qualm überzogen und in der Mitt⸗ in Richtung zur ehemaligen Ortskommandantur, und in Form eines sich verschie- benden Keils rostrot durchflackert von Salvengeschossen und krepierenden Gra- naten. Brände loderten auf, und Schauer roter Funken stoben durch diestraßen- labyrinthe und gingen nieder auf schneeüberzogene Schuttfelder. Der den Stadt- block in zwei Teile spaltende Teil gewann Boden, aber noch wurden der Spitze und den sich ausbreitenden Flanken mobile und?usammengeworfene und aus- gekämmte Truppen in immer neuen Haufen entgegengestellt. Der feurige Keil im Stalingrader Stadtbild und der Widerschein am Himmel war ein weit sichtbares Zeichen, und Soldaten, Offiziere, auch der Oberbefehlshaber wußten dieses Zeichen zu deuten.

Es war das Zeichen des nahen Endes!

Am Konferenztisch des Oberbefehlshabers stand der Kommandierende General aus der Schlucht bei Gumrak. Weißhaarig, schlank, elegant, unter den Augen tiefe Schatten, des Gesicht in den letzten Tagen so dünn geworden, daß man meinen konnte, alle Nerven durchscheinen zu sehen.

Fas Gesicht bebte, auch die Stimme bebte:

Auf dem Wege hierher habe ich Bilder gesehen, die jeder Beschreibung spotten, die sich mit Worten nicht wiedergeben lassen! Weiß man, was man verlangt, wenn befohlen wird, den Kampf hier noch weiter fortzusetzen, noch dazu einen zweck- losen und ziellosen Kampf!

Der General wandte sich gegen den Einwurf eines der am Tisch sitzenden Herren: Nein. Wir erfüllen hier keine Aufgabe mehr. Wir helfen keinem Aufbau einer neuen Front, weder bei Rostow noch sonstwo. Das gilt mindestens von dem Moment an, an dem der Kessel auf ein Minimum verengt war und die Russen einen Teil ihrer Kräfte hier abziehen konnten; und das gilt heute, nachdem der Kessel in

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