Keiner stand auf und keiner machte Anstalten dazu. Holmers ließ seinen Blick an der Reihe der Gesichter, soweit sie nicht von auf- steigendem Qualm verhüllt waren, entlangschweifen. Er begegnete den blauen Augen eines Mannes.„Kommt noch Hilfe, Herr Major?“ fragte der Mann.—„ja, kommt Hooth noch, dann wãre es ja was anderes“, fiel ein anderer ein. Die Erwãhnung des Panzergenerals Hooth lõste ein Gelãchter aus, und wie es nun einmal war, war das noch besser und menschlicher als das stumpfe Vorsichhinstarren der anderen. Holmers drehte sich kurz um.„Zeigen Sie mal Ihr Soldbuchie Sagte er zu einem. Er las: Schütze Ewald Stüwe, geb. 28. 12. r9rx in Köln , Beruf Schlosser, Vor- und Mãdchennamen der Ehefrau: Mathilde Rautenberg, Wohnort Köln , Gereonswall Sc. „Warum hocken Sie hier, Stüwe, warum machen Sie nicht, daß Sie wieder zur Truppe und zu einer Feldküche kommen?“ Stüwe schlug seinen Mantel und zu- gleich den oberen Teil des Uniformrockes zurück, und danach hob er die auf der Schulter aufliegenden Lappen ab. Holmers erblickte einen Eiterklumpen und den durchscheinenden Knochen. Vor dem aufwallenden Wundgestank prallte er zurück. „Arztliche Behandlung gehabt?“ fragte er, nur um etwas zu sagen.„Keine!“ er- widerte Stũwe. Holmers fragte in diesem Keller niemand mehr etwas. Er ließ auch den Mann ungeschoren, den er stumpfsinnig auf einem halben Sack Mehl sitzen Sah. Er hatte auch keine Neigung mehr, in die Mebenhöhle hineinzugehen, in der einige Leute um ein Feuer herumhockten und aus Wasser und Mehl Pfannkuchen buken. Er kletterte durch das Fensterloch wieder auf die Straße hinaus. Es folgten ilm aber doch noch vier Mann, die der Hunger aufgejagt hatte und die bereit waren, sich für eine Marschverpflegung, bestehend aus 400 Gramm Pferdefleisch und 200 Gramm Brot, aufs neue ins Feuer schicken zu lassen. Aus einem anderen Keller holte Holmers noch einige Leute heraus. Der Adjutant bei der Division lachte ihn aus, als er mit den Paar Mann ankam. Was er eigentlich glaube— die Truppe brauche Leute, und es käme nicht mehr so genau darauf an. Es handele sich da um keine Frühjahrsaushebung bei einem Wehrkreis. Nein, bei- leibe nicht, und solange der Koppelriemen einen Kerl noch zusammenhalte, tauge er auch! Das war eine Rüge, und Holmers war geladen, auf den Adjutanten, auch auf den Oberstleutnant, der daneben saß, kurz aufblickte und Holmers ansah nicht anders als etwa die Wand, an der er stand. Die saßen da im Fett, wußten überhaupt nicht, wie es in so einem Keller aussieht, und die hatten leicht reden! Holmers sagte:„Zu Befehl!“ und ging wieder los. Er ging wieder von Keller zu Keller, und dieses Mal gab es kein Weghören und kein Wegblicken. Er ließ keine Anrempelung und keine Disziplinlosigkeit mehr durchgehen. Auch bei der Höhe 107 hatte er schon solche Aufträge erhalten; dort hatte er sie von einem seiner Batteriechefs durchführen lassen. Er hatte nachher die Gestalten geschen, und auch dort waren es Lädierte und normalerweise Un - taugliche gewesen. Hier aber hatte er ausnahmslos jeden anzumustern— ausgemer-
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