Noch einige Male war Kampflärm zu hören, Gefechtsberührungen zwischen russi- schen und deutschen Truppen. Der Angriff zerrieb im Vorgelände des„Tataren- walls“ zurückgehende Truppen und Torsos von Truppen und liquidierte liegen- gebliebene Trosse. Eine Welle Infanterie und einige Panzer stiegen auch über den „Tatarenwall“ weg, und die Rohre von„102“ und„1077 griffen in den Kampf ein. Im ganzen blieb an diesem Tage die Lage unerändert.
Die Knderung brachte der folgende Tag zugleich mit dem ebenfalls geänderten Wetter. In der Nacht war ein scharfer Wind aufgesprungen, ein heulender Mordost. Die Wolken waren weggefegt, Klarer Himmel, Sonnenschein und so kalt, daß die Kristalle in der Luft flimmerten. Von den Artilleristen, die Holmers an den Wall hatte vorlegen lassen und die dort schutzlos im Winde gelegen hatten, waren eine Anzahl erfroren.
Der Tag begann mit Bewegungen von Truppen. Voraus auf dem Wall tauchte Infan- terie auf, ließ den Wall hinter sich, trieb quer über den Flugplatz, zog sich bis an die am Stadtrand angelehnten Stümpfe der Fliegerschule zurück, das war General Geest mit dem Rest seiner Division. Das Jägerregiment 54, das nach Norden ein- schwenken sollte, schwenkte nicht ein, machte kehrt und ging ebenfalls in Richtung Fliegerschule zurück. Noch irgendeine andere Kampfgruppe führte eine ähnliche Bewegung durch. Das Absetzen der Jäger und jener Kampfgruppe ging schon in aufspritzenden Schneefontänen und aufwallendem Rauch und in Garben schweren Maschinengewehrfeuers vor sich.
Die Luft war an diesem Tage nicht dick, die Luft war glasklar. Die Haufen— auf- springende Männer, ihre Waffen in Stellung bringende Männer, laufende und auf die Nase fallende Männer— zeichneten sich auf dem Schneefeld ab, wie mit Kohle- strichen auf Papier gesetzt. Nachdem die Infanterie rechts und links vorbeigetrieben war und die Artillerie ihre Flanken entblößt fand, war die Luft nicht nur glasklar, War sie zugleich von betäubender Leere.
Irgendwo mußten doch Truppen sein, und irgendwo waren auch noch Truppen, als Fluchthaufen kamen sie dem Artilleriekommandeur zu Gesicht. Da waren noch Teile der 768ten, die trieben nach Stalingrad-Nord. Da waren noch Teile des VIII. Korps, die trieben ebenfalls nach Stalingrad-Nord. Da tauchte plõtzlich die Masse des Korpsstabes des VIII. Korps auf, das trieb nach Stalingrad-Mitte. Ganz in der Nähe zog ein Kübelwagen mit Stabsoffizieren vorbei, einer davon General Venne- kohl, ein anderer Oberstleutnant Unschlicht. Befehle kamen nicht durch. Durch- kommende Befehle waren unklar. Die Befehlsverhältnisse und Unterstellungen(der Stab auf der einen, das Gros auf der anderen Seite) verwirrten sich, verschoben sich, waren neu zu ordnen, waren zeitweilig überhaupt nicht existent. Am Rande, in Korps-, Divisions-, Regimentsstäben Verwirrung, Betäubung. In der Mitte im leeren Raum eine der Stärksten Artilleriegruppierungen, Heeresartillerie, die Masse einiger Artillerieregimenter, eine Mörser-Batterie, eine Abteilung Nebelwerfer. Und Hau- bitzen, Mörser, Nebelwerfer spien Feuer. Die Luft dröhnte. Der Rauch trieb der
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