Plõtzlich setzte eine wilde Schießerei ein, schwere Maschinengewehre und krepie- rende Panzergeschosse, das ging jenseits des Walls und unter der dichten Dunst- decke vor sich. Was auch geschah, die Artillerieabteilungen und ihre Kommandeure wußten es nicht. Hõhe 102 schwieg, der„Blumentopf“ schwieg, auch die Geschütze der Abteilung Holmers schwiegen.
Das Geschehen betraf die Kampfgruppe Keil, seit achtundvierzig Stunden und seit Jeschowka, wo Feldwebel Göritt gefallen war, ein führerloser Haufen; es betraf die Letzten des ostpreußischen MG-Bataillons 9, die einen Marsch durch tiefen Schnee hinter sich und vor sich den Wall hatten, hinter dem sie Hilfe zu finden hofften. Als die paar Leute das Dröhnen von Panzerketten hinter sich hörten und russische Panzer erblickten, die in Kiellinie über das ebene Feld stoben und Schneewogen aufwarfen, ließ der Koch, Heinrich Halluweit, der die Führung übernommen hatte, die schweren MGs in Stellung bringen. Aber da war nichts als das ebene Feld und der tiefe Schnee, in dem sie samt ihren MGs einsanken. Die Feuerstöße, die sie herausjagten, waren gegen die faustdicken Stahlplatten von keiner anderen Wirkung, wie sie auch Schneebälle gehabt hätten. Sie prallten ab, weiter nichts. Doch die MG-Leute meinten mit ihrem Schießen den Wall alarmieren zu können. Der Wall blieb jedoch still; das einzige, was sich dort drüben rührte und auftaumelte und stadtwärts fũchtete, waren die ausgemergelten Gestalten, die sich in den verlassenen Bunkerlöchern schon zum Sterben niedergelegt hatten.
Die Panzer waren herangekommen. Die MG-Gruppe mit dem Koch wurde in den Schnee gewalzt. Die anderen sprangen auf und trachteten laufend den Wall zu er- reichen. Links eine Reihe Panzer und rechts eine Reihe Panzer, die M Gs weggewotfen, geballte Ladungen in den Händen, so suchten sie, in der Annahme, daß die Panzer aufeinander nicht feuern würden, an die Panzerungetüme und in Deckung der Panzer- wãnde zu gelangen; in der hoch aufgischenden Schneewoge und neben den rollenden Ketten liefen sie her. Die Panzer richteten ihre MGs aber doch aufeinander, und wer von den Ostpreußen nicht in direktem Beschuß niedergestreckt wurde, fiel durch die von den Panzerplatten abprallenden Querschläger. So gingen in grauer Morgenstunde des 26. Januar 1943 die Letzten des MG-Bataillons 9 vor dem„Ta- tarenwall“ zugrunde.
Die Kanoniere im„Blumentopf“ und die Artilleristen der anderen Abteilungen hörten das Geknatter und warteten auf die Entwicklung der Dinge, doch in ihrem Gesichtskreis entwickelte sich nichts. Eine Gruppe jener Gespenster aus den ver- lassenen Bunkerlöchern sahen sie durch den Schnee wanken, das war alles.
Einer mit einem leer herabhängenden Mantelärmel käm über das weite Schneefeld. Da war Heulen von Panzergeschossen und waren im Dunst aufspritzende Flammen- bälle. Da war aber auch der ziehende Nebel, und der Tag war unsichtig, und über- haupt, auf einen einzelnen Mann kam es nicht an. Dieser einzelne Mann überquerte eine Schlucht, es war dieselbe Balka Krutaja, über die Holmers Tage vorher die
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