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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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über den Flugplatz und schien sich dann auf dem Zuge nach Westen zu stauen und sich hinter demTatarenwall aufzubauen wie eine undurchdringliche schmutzig- blaue Wand.

Temperatur: 28 unter Mull. Wasser:(hätten wir nur welches). Luft: diesig im übrigen so dick' wie nie. Ringsherum zieht es sich zusammen. Voraus ganz große Scheiße. So hatte Holmers morgens in sein Tagebuch geschrieben.

Picke Luft das dachte er auch, als er in seiner Feuerstellung stand und in den Tag hinausblickte. Da war dieBetonwand, war dieMarktfrau, war derZinnsoldat, war derTennisschläger, wie eine Fabrik, ein Eisenbahnstellwerk, ein Fliegeraus- sichtsturm, eine Gleisschleife ihrer charakteristischen Formen wegen, als sie hier angekommen waren, bei der Geländetaufe benannt worden waren. Da war auch derBlumentopf, ein kleines auf dem ebenen Gelände aufragendes Wäldchen. Holmers hatte hinter sich das Fabrikviertel Mauerreste, Schutthaufen, Eisen- gerippe, Stümpfe von Werkhallen, ausgebombte Hütten der Arbeitersiedlung, einen zum Himmel aufragenden, unten und in der Mitte durchlöcherten und oben ab- gefetzten Fabrikschornstein, der wie durch ein Wunder nicht zusammengefallen und stehengeblieben war. Zur linken Hand das weite Schneefeld war der Flugplatz der alte russische Flugplatz, der immer unter Beschuß gelegen hatte und niemals zu benutzen gewesen war). Am Rande des Flugplatzes stand derZinnsoldat??, dieses ausgebombte, ausgebrannte Uberbleibsel des Fliegeraussichtsturms. Die Trümmer daneben waren die Reste der ehemaligen Fliegerschule, zwischen denen sich zwei Generale mit ihren Stäben und Resten ihrer Stabskompanie eingenistet hatten. Mitten auf dem ebenen Feld ragte derBlumentopf auf, das kleine Wäldchen, das mit Heeresartillerie, Nebelwerfern, Mörsern gespickt, an dieser Stelle das Herz- stück des Verteidigungssystems bildete. Dieses mit dem Rücken an die Stadt an- gelehnte und mit Schutthalden, Fabriküberbleibseln, verbogenen Eisenbauten be- standene Gelãnde war von einer sich weit hinziehenden und in weitem Bogen ver- laufenden Erdwulst umgeben, von demTatarenwall.

DerTatarenwall war das Wunder, das Holmers anstaunte, und auch der bei ihm sich befindliche Wachtmeister wunderte sich. Es war nicht derTatarenwall an sich, den kannten sie seit Tagen, da sie mit ihren Zugmaschinen und Haubitzen darũber weggekommen waren und ihn dann in einer Länge von Kilorietern in Besit? genommen und unterwühlt und Umterstände für ihre Leute hineingehackt hatten; und sie kannten ihn auch, wie er sich im Laufe der Zeit verwandelt hatte, als ihre Kanoniere ausgezogen und neue Einwohner angekommen waren, und der Wall dann Verwahrlosten und Verhungernden und Sterbenden zu dem wurde, was er heute war, ein Wall lautlosen Verhauchens(denn Verhungernde und Erfrierende lärmen und heulen und jammern nicht mehr).

Dieser Wall war seit gestern die neue HKI.

Und wenn man nicht annehmen wollte, daß seine Bewohner, die bestenfalls noch auf allen vieren kriechen konnten, ihn verteidigen sollten, hätten Truppen ankommen

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