Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
219
Einzelbild herunterladen

Die Ringbahn war von den Truppen der Roten Armee überschritten worden. Im Süden war der Stoß über Zybenko-Krawzow-Pestschanka-Woroponowo gegangen, und die dort liegenden Regimenter und Kampfgruppen waren über die Bahnlinie gerollt worden. Das Regiment Enders war auseinandergefallen. Die Kampfgruppe Döllwang war zusammengeschmolzen zur Gruppe eines Schirrmeisters. Die Reste des IV. Armeekorps, und es waren nur noch Teile der 297. und 371. Infanterie- division und das Trümmerstück einer rumänischen Division, wurden bis an die Zariza gejagt und über Jelschanka und Minina hinweg gegen den Stalingrader Stadt- rand gepreßt.

Von Westen her rollte die Rote Armee ebenfalls über den Fisenbahndamm und dann über Jeschowka und über die Tulewojschlucht weg, und sie schwemmte vom Westen und dann auch vom Südwesten und gleichzeitig in einer Angriffswelle aus Norden über den Flugplat? Gumrak weg und erreichte die BunkersiedlungHart- mannsdorf, aus welcher der Oberbefehlshaber in größter File füchten mußte. Der Oberbefehlshaber fuhr mit seinem Gefolge an die Zariza, geriet dort in die Haufen der geschlagenen Südfront, und in der Ruine eines ehemaligen Sanatoriums war seines Bleibens nur einen Tag. Er ging weiter und bezog sein neues Quartier mitten in der Stadt, in der großen Stalingrader Kaufhausruine amPlatz der Gefallenen. Die Rote Armee zog ihren Ring noch enger.

Nach Gumrak fiel auch Gorodischtsche. Russische Panzer rollten bis an den Wall, der den Stalingrader Flugplatz umgab. Hier betrafen die Angriffe die vom Westen zurückgefallenen und noch zurückfallenden Regimenter und Divisionen, und am Rande des Flugplatzes und bei Höhe 102 und bei Höhe 107 betraf es die dort in Stellungen liegenden Artillerie-, Nebelwerfer-, Mörsertruppen und auch die Artillerie- abteilung des Majors Holmers.

Der Befehl war: Halten! Keinen Schritt zurück!

Die für diesen Kampfabschnitt festgelegte HKL war derTatarenwall.

Major Holmers befand sich in seiner Feuerstellung, achthundert Meter vomTataren- wall entfernt. Die einmal auf Stalingrad und die Wolga gerichteten Geschütze waren auf Rundumverteidigung eingerichtet, er konnte sie also umdrehen und auch nach Süden und Südwesten richten lassen. Auch Munition besaß er dank eines be- Sonderen Umstandes noch. Als nämlich in den ersten Tagen der Finkesselung der Durchbruchsplan so weit Form angenommen hatte, daß er den Befehl erhalten hatte, seine Munitionsvorräte in die Luft gehen zu lassen, hatte er nur die Hãlfte dieser Munition verschossen. Die ihm so verbliebenen Reste sollten an diesem Tage zum Tragen kommen, und die Rohre seiner 15cm-Haubitzen, die ihn von Bjelgorod her den Weg über den Donez, den Oskol, über die Kalitwa, den Zymlja und den Don bis nach Stalingrad und an die Wolga gebracht hatten, sollten noch einmal heiß werden.

Der Tag war düster, schwerer Dunst dampfte von der Wolga herauf, trieb in Haufen über die Steinschluchten und über die zerfetzten Ruinenmassen Stalingrads , trieb

219