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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Ja, Abtransport, das wär' ja ganz gut. Da mit dem Bein ist was los, eine Fleisch- wunde!

Abtransport ist leider nicht. Halt dich in dieser Richtung, da kommst du auf die Straße nach Jeschowka!

Hier, eine Kleinigkeit auf den Weg!

Ich dank' schön, Herr Pfarrer! Altenhuden nahm aus der Hand des Pfarrers Koog ein Stück Brot und eine Sardine entgegen. Das stammte aus dem Zimmer des Ober- sten Enders, wo Koog sich die Taschen mit Vorräten, die Enders aus Deutschland mitgebracht, vollgestopft hatte.

Am Himmel spannten die russischen Salvengeschosse ihre leuchtenden Spinne- fãden. Die Trümmer des Verpflegungsamtes überragten den Bahndamm und hoben sich in das Horizontflimmern gleich düsteren Haifischflossen. Grünes Licht flak- kerte auch auf dem Gesicht eines Sterbenden, vor dem Pfarrer Kalser kniete. Herr Pfarrer, jetzt kann ich wirklich nicht mehr stürmen! sagte der Sterbende mit einer Kinderstimme.Brauchst auch nicht mehr zu stürmen! Für dich ist der Krieg aus!

Tausend nackte Beinchen tanzen... heulte ein anderer den Text eines Revue- schlagers und blickte mit irren Augen in das grüne Flackern und haschte mit beiden Hãnden nach dem sich über ihn beugenden Pfarrer. Der blieb bei ihm, bis er ruhig wurde, dann drückte er ihm die Augen zu und faltete ihm die Hände über der Brust zusammen.

Der nãchste hieß August Fell. Fell war schwer verwundet, aber bei vollem Bewußt- sein. Zwischen Rock und Hose quollen ihm die Eingeweide hervor. Pfarrer Kalser deckte den offenen Leib, damit der Sterbende nichts davon sähe, mit seinem Mantelende zu. Aber Fell wußte, wie es um ihn stand. Seine letzte Angst war, daß er das geweihte Brot nicht herunterbringe. Er konnte nicht mehr schlucken, und der Kot stank ilum schon aus dem Munde heraus. Der Pfarrer brach von der Hostie ein Kleines Stück ab; mit einem Schluck aus der Feldflasche spülte er es hinunter. Es dauerte nicht mehr lange und auch August Fell war tot.

Am Leichnam Fells trennten sich Koog und Kalser. Koog z0g weiter an der Ringbahn entlang, und später stieg er in das Zarizatal hin- unter. Kalser wandte sich nach Norden und der Straße nach Jeschowka zu. Er holte die Müden, die Hinkenden, die Strauchelnden ein. Es war eine Gruppe, bei der sich auch Gnotke, Gimpf, Altenhuden, Zahlmeister Schweidnitz befanden. Gegen Mitternacht stellte sich diesem Haufen eine Gestalt in weißem Tarnmantel entgegen. Im Schneetreiben standen noch andere, Maschinenpistolen umgeschnallt. Befehle wurden laut, es wurde gerufen:Stehen bleiben! Keinen Schritt weiter! Mal alle hierherkommen! Schweidnitz war so müde, so zermartert, so gedankenlos, daß er seinen Stabszahlmeister, den Oberfeldwebel, den Oberveterinär nicht er- kannte. Auch die übrigen waren so zermürbt, daß sie sich willenlos und ohne ein Wort des Widerspruchs von diesem ausgeschickten Auffangkommando in die neue

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