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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Es war der Schatten Vilshofens, der hier nichts zu befehlen und nichts zu veran- lassen hatte, der aber die Verbindung von dem Apparat des Adjutanten zum Apparat Gönnerns umschaltete, nach dem Hõrer griff und ihn Gõnnern hinhielt. Aber Gönnern nahm den Hörer nicht entgegen, und so hielt Vilshofen ihn selbst ans Ohr und rief hinein:Döllwang ... Hans! Hans. Wer sind denn Sie? und wo ist der Haupt- mann?

Er vernahm:Zahlmeister Schweidnitz . Der Hauptmann, mein Gott, oh, mein Sott

Der Hörer polterte auf den Tisch zurück.

Das Gesicht Vilshofens war Eis, sein Herz war Schnee, sein Blut war Schnee. Er hörte hinter sich Stöhnen, vernahm jetzt erst die Worte Gönnerns und fuhr herum: Das sagen Sie... also, Sie haben gefühlt, Sie haben gewußt... Gönnern , Sie haben in dieser Stunde keinen Kampfauftrag durchgeführt. Sie haben ein Todes- urteil vollstreckt! Dõllwang, Hans Döllwang, mein Junge... und das ist einer, aber es sind viele, es ist eine ganze Armee. Und Gönnern , Sie sind nicht der einzige, wenn daß Ihr Gewissen zu beruhigen vermag. Sie sind nicht der einzige! Mein Gott, o mein Gott, eine Armee und Generale Henker der eigenen Armee, Henker der eigenen Männer!

Vilshofen wankte zum Ausgang

Wahnsinniger! rief Gönnern ihm nach.

Vilshofen wandte sich noch einmal um.

Deutschland ! sagte er:Das ist kein Wort an den leeren Himmel geschrieben, auch an keinen blutgefärbten Himmel! Hauptmann Döllwang, Leutnant Latte, Soldat Fell, Soldat Aldenhuden, Unteroffizier Gnotke... wer immer hier sinnlos stirbt, mit ihm stirbt Deutschland !

Gönnern brachte keinen Ton hervor. Sein Unterkiefer klappte herab, sein Mund blieb weit geöffnet, sein Gesicht war wie aus weichem Kork .

Kalser und Koog kamen aus der Ziegelei. Ihr Weg führte am inneren Bogen der Ringbahn entlang. Sie gelangten an die Stelle, wo die Trümmer der Buchnerschen Flakabteilung auf dem Bahndamm aufragten und wo der Schnee von Wagen zer- fahren war. Sie wanderten weiter und gelangten dort hin, wo die Reste der Döll- wangschen Gruppe verwundet, fliehend, sterbend über den Bahndamm gekommen, im Schnee steckengeblieben oder weitergeeilt waren.

Pfarrer Kalser beugte sich über eine Gestalt.

Es war der Soldat Altenhuden, der betãubt dalag und plõtzlich spürte, wie eine Hand nach Seiner Brust und der Erkennungsmarke tastete.Ich bin der Pfarrer der 3768ten. Wo fehlt's, mein Junge? hörte er sagen. Altenhuden warf sich herum, schneller als es während des ganzen Feldzuges geschehen war.Ach Jott, nee, bin ich er- schrocken! Als ob mich der Leibhaftige Schon am Schlawittchen hätt'. Mein, nein, Herr Pfarrer, ich dank' auch schön. Mir fehlt gar nichts, ich brauch' auch gar nichts.

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