nicht auf. Und zwischen den Verröchelnden und Sterbenden lagen die Soldaten der kämpfenden Truppe. Am„Platz der Gefallenen“ hatte das Artillerieregiment 4 und hatten die letzten Panzerschützen und Panzerfahrer vom Panzerregiment 36 und hatte die 7. Infanteriedivision unter dem Kommando des Generals von Hart- mann, welche nach Süden die Front zur Zarizaschlucht einnahmen, und in anderen Straßenzügen hatten andere Regimenter oder Reste von Regimentern ihre Quartiere. Und im Timoschenko -, im Theaterkeller und anderen Kellereien, die ohne Wirte waren, krochen Massen Versprengter und Marodierender unter; und täglich und Stündlich waren Erfassungskommandos unterwegs, welche die Leute aufscheuchten und diejenigen, die noch auf den Füßen stehen konnten, mit sich nahmen und wieder nach vorn in die Kampflinie warfen.
Das war die Agonie einer Armee.
Und dieses Röcheln des Todes, die um sich greifende Gefühllosigkeit, das ver- lõschende Bewußtsein, die fortschreitende Lähmung waren durchweht von den eisigen Nächten der õstlichen Steppe, waren durchflackert von wilden Schneestürmen, waren durchtost von den Detonationen der Raketengeschosse. Die Armee löste sich auf, das Zentrum dieses großen Organismus war betäubt, seine Verbindungen funktionierten nicht mehr, seine Teile waren paralysiert. Der Mensch starb, und die Toten wurden nicht mehr begraben. Auf den Straßen Stalingrads, in den Schluch- ten und auf᷑ der Steppe lagen die Leichname verstreut wie Holzscheite, und wie auf gefällten Birkenscheiten wuchs auf ihnen Schnee.
Und da kam einer— eigentlich hätte er noch in Breslau auf dem Gymnasium sitzen müssen, und es war nicht so lange her, daß er dort auf der Schulbank gesessen hatte— über Zybenkõò, Krawzow und Pestschanka; und hundertmal hätten ihn Kugeln und Splitter hinstrecken müssen wie jene anderen, deren Leichname er hatte liegen sehen; es wãre in dem Wirbel, der über die Kalmückensteppe tobte, nur natürlich gewesen. Aber er gelangte nach Woroponowo, wie er vorher nach Pestschanka gelangt war, und auch da war auf der Station und aus den Hütten aufquellend dicker schwarzer Rauch, war aufspritzender Schnee, war Brandgeruch, war Aufheulen menschlicher (es schienen ihm tierische) Stimmen, auch da waren Haufen Flüchtender, die ihre Gewehre, Rucksäcke, Decken, manche sogar die Stiefel wegwarfen, und mit einem dieser Haufen, es waren Deutsche und Rumänen, lief er mit, bis er den zum Ver- pflegungsamt führenden Weg erkannte und dann vor das Verpflegungsamt gelangte. Das Gehöft brannte. Aus dem Hause des Stabszahlmeisters, aus den Fenstern, aus den Türen und dem Dachstuhl züngelten Flammen. Das Nebenhaus, in dem er selbst einmal gewohnt hatte, war ein Haufen von Trümmern, auf die sich das zu- sammengesunkene Dach gelegt hatte. An der Schwelle und dem ragenden Tür- pfosten erkannte er, daß er sein eigenes ehemaliges Zimmer betrat. Das war nur noch ein aufgewühltes Erdloch, und in diesem Loch hockte ein Hauptmann vor einem Feldfernsprecher.
„Zu Befehl, Herr General!— Zu Befehl, in Woroponowo sind die Russen. Nach
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