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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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ebenfalls bis Stalingrad . Wo Stãbe, wo Artillerieabteilungen, wo Rückwärtige Dienste einmal ihre Quartiere und ausgebauten Stellungen angelegt und unter dem Druck von Westen her verlassen hatten, da waren sie von dem ziehenden Volk der Ver- sprengten, von Leichtverwundeten, Kranken, Maroden und Marodierenden be- zogen worden. Keine ärztliche Hilfe, keine Proviantzuteilung(und wären es auch nur Hungerrationen, welche die an der Front noch erhielten), keine rauchende Feld- küche, das einzige, was ihnen geblieben war, waren Pferdeknochen, die sie im Schnee fanden, waren die Wegzeichen aus Pferdegebein, die sie aufnagten. Ein Gast in diesen Höhlen war der von Dutzenden Sanitätsstellen abgewiesene Soldat Stüwe. Er wanderte über die Steppe, Richtung Stalingrad . Wenn er einen Bunker bezog, hatte er manchmal erst einen Toten herauszuräumen, um sich Platz für die Nacht zu beschaffen. Nachher breitete er seine Lumpen aus und legte sich darauf nieder. Er stellte eine Konservenbüchse neben sich hin, von Nachbarn erhielt er einen glimmenden Funken und mit Blättern aus irgendeinem Aktenstück und mit Holzsplittern, mit Brocken eines Autoreifens, die er unterwegs aufgelesen hatte, fachte er in der Konservenbüchse ein winziges Feuer an, an dem er seine Kammen Finger und seine Nase wärmte. Auch die andern unterhielten ähnliche Feuer und alle lagen dicht am Boden, der Rauch zog über ihre Köpfe weg. Es kam auch vor, daß Stüwe und die andern sich in der Nacht erhoben, daß sie in die Finsternis hinausjagten und sich auf dem schneebedeckten Land nach allen Richtungen hin versprengten. Pas trat dann ein, wenn niedrig zichendes Motorengeheul ihre Ohren erreichte, wenn ein mit Knäckebrot, Schokolade, mit Fleischkonserven beladenes Flugzeug über ihren Köpfen kreiste und in Dunst und Schneetreiben die Abwurf- stelle nicht fand. Pann liefen sie durch die Nacht, versanken bis zum Hals in Schnee- wehen, arbeiteten sich wieder heraus, liefen weiter, bis sie zurücktaumelten und sich erschöpft wieder in ihren Löchern einfanden. Es kam auch vor, daß einer seine Hand an eine der vom Himmel herabschwebenden Verpflegungsbomben zu legen vermochte und sich dann an fünfunddreißig Kilo Brot, Fleisch, Schoka-Kola in die Taschen stecken konnte; und da lag nachher in irgendeiner Ecke einer, der die ganze Macht kaute und sich überfraß und verursachte, daß sich der übrige Bunker mit Fluchen, mit Stöhnen, mit Unruhe anfüllte.

Keller voller Verwundeter, die niemals ärztliche Hilfe erhalten hatten, zogen sich in straßenlangen Zeilen unter den Hãuserruinen Stalingrads hin, und nicht nur die Außenbezirke, auch der Stadtkern war von dieser Invasion blutenden Elends über- schwemmt. Uber tausend Schwerverwundete lagen in der ehemaligen Ortskomman- dantur Mitte, an tausend lagen in den Kellereien des Hauses der Roten Armee, an achthundert lagen im Theaterkeller; in den Gewölben amPlatz der Gefallenen lagen in dem einen dreihundert, in dem andern an zweihundert, in dem nächsten wieder an zweihundert. Die Schwerverwundeten kamen an dem einen Tag an und am nächsten und am übernächsten wurden sie als Leichen wieder hinausgetragen, doch es blieb immer die gleiche Menge, und das Röcheln der Sterbenden hörte

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