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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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Sie mußten nach Woroponowo gelangen, weiter dachten sie bald nichts mehr, und weiter wußten sie bald nichts mehr. Der Schnee legte Schleier vor ihre Augen, und Stüwe wußte nichts mehr von Köln und dem Gereonswall dort, wußte auch nicht, ob das Haus c noch stand oder ob es schon zu einem Trümmerhaufen zerfallen war; und von den Sorgen einer Tilla, die acht Jahre hindurch auch seine eigenen Sorgen gewesen waren, war er weit abgetrennt. Und Paußig, einmal war er Musiker gewesen, hatte eine Stellung gehabt und eine Wohnung und einen gemieteten Flügel in der Wohnung, und eine Frau, auf die er endlos eifersüchtig war, und alles war So fern wie auf einem andern Stern, und es konnte ihn nicht anfechten, ob sein Weibi noch immer einRennpferd ohne Reiter oder ob inzwischen anderes mit ihr geschehen war. Stüwe und Paußig, einer hielt sich am anderen, und einer hielt den anderen aufrecht, setzten Fuß vor Fuß, und es verlangte sie nach nichts mehr, als nach einem Loch, in das sie niedersinken und in das sie sich verkriechen konnten.

Es waren nur einige tausend Meter, die sie vor sich hatten, aber sie brauchten Stunden dazu. Sie begegneten einem dritten, einem vierten, einem fünften Nachzügler. Schließlich war es ein ganzer Trupp, der dahinwankte und dann die Station erreichte, und Sich an der Reihe finsterer Waggons entlangtappte. Sie suchten einen Behelfs- Sanitãts?ug und fanden ihn auch. Unterwegs hatte einer von diesem Zug gesprochen und behauptet, daß da genug Plat? wäre, um alle aufnehmen zu können. Aber wo gab es genug Platz nur auf der blanken Steppe und im Schnee! Doch das wollte niemand wissen. Die Vorstellung von den mit dem Roten Kreuz gezeichneten und mit Betten und Decken und Sfen ausgestatteten Waggons hatte die gemarterten Gehirne erfaßt. Betten und Decken und Ofen, und darunter Rãder, und die Rãder Standen auf Schienen, und die Räder würden schließlich auch rollen; vielleicht nur nach Stalingrad , vielleicht aber... Sterben ist möglich, sollte man da nicht auch Leben für mõglich halten! Und da waren sie und stolperten an der Reihe der Waggons entlang. Die von Schnee überpulverten Roten Kreuze konnten sie mit ihren Augen Schen. Güterwaggons waren es mit Schiebetüren. Kleine Fensterscheiben waren ein- gesetzt. Hinter einer Scheibe schwelte mattes Licht. Aus anderen Waggons, aus den eisernen Schornsteinrohren, welche durch die Dächer ragten, stieg Rauch auf. Die Waggons waren bewohnt, aber wo auch angeklopft oder mit einem gefrorenen Klumpen an die Holzwand gepocht wurde, keine Tür õffnete sich und nichts regte Sich. Die Einlaßsuchenden wankten weiter. Sie stolperten über gefrorene Strünke, die auf dem Weg lagen, die längs der Strecke und so lang der Zug sich hinzog, hingeworfen waren. Warum betrachteten sie diese gefrorenen mannlangen Enden nicht genauer? Sie wollten nicht, wollten nichts sehen eine Pritsche, ein Liegeplat? in einem dieser heizbaren Waggons, die schließlich doch auf Rädern standen, die schließlich doch, und wenn eine Lokomotive vorgespannt würde, rollen konnten, war alles, wonach es sie verlangte. Und dann hatten sie einen Waggon gefunden, dessen Tür nachgab und der sich õffnen ließ. Der Waggon war leer, oder er wurde jedenfalls von seinen Finwohnern nicht mehr verteidigt. Und es gab da Pritschen,

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