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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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teckend, abgenagte Pferdebeine als Wegzeichen auf. Die Gruppe Döllwang war auf dem Wege, und ein anderer Haufen, wie die Gruppe Döllwang einer hinter dem anderen in Schlangenlinie, war der Rest des Regiments Enders. Voraus lag Woroponowo, im Rücken war das Niemandsland(in dieser Macht noch Niemands- land) und das verlassene und strichweise noch von Salvengeschützen bestrichene Schlachtfeld.

Ein verzweigtes Rinnsal ausgetretener Pfade führte von vorn und von Unterständen kommend auf den markierten Hauptweg. Und wer von jenen, die während des Nahkampfes abgesprengt und zurückgeblieben waren, und aus der Erstarrung wieder erwacht und vom Schrecken aufgejagt, sich soweit getastet hatte, daß er aus dem Schnee aufragendes Pferdegebein erblickte, hielt den Faden in der Hand und konnte hoffen, zur Truppe zurückzufinden. Einer dieserGlücklichen war der Soldat Fwald Stüwe, ein anderer(vom Regiment Enders) war der Obergefreite Hans Daußig. Als Stüwe den Daußig erblickte, der von der anderen Seite her auf den Weg hin- unterlauschte(niemand konnte wissen, wie weit die Russen bereits in das Gelände eingesickert waren), da verhielt er sich zuerst ganz still und beobachtete die Be- wegungen des anderen; was danach folgte, war kaum anders als die nächtliche Begegnung von zwei Wölfen. Sie beschnüffelten einander, und als sie dann neben- einander hergingen und nach einer Weile sich hinsetzten, um sich zu verschnaufen, war der Schatten, den sie in den blauen Schnee warfen, auch nicht so sehr anders als der zweier angeschossener, zerrupfter Wölfe.

Was hast'n? fragte Daußig.

Am Arm, Bajonettstich!... Und du?

In der Seite.. MP glaube ich!

Stüwe war der rechte Oberarm von einem Bajonettstich zerfetzt worden, dem anderen saß ein MP-Geschoß in der Seite.

Sind deine auch alle abgehau'n? fragte Stüwe.

Ich weiß nicht... ich schlag' die Augen auf und lieg' im Schnee, und vorher war Nahkampf, und nun war alles still und keiner mehr da.

Beide schwiegen.

Plõtzlich brach Daußig in ein Gelächter aus. Stüwe betrachtete ihn mißtrauisch: Hast wohl auch was über den Kopp gekriegt, was?

Mein, ich hab' nur eben an was denken müssen.

War wohl sehr lustig?

An zu Hause hab' ich gedacht... Und es war nicht lustig gewesen, war sogar aufregend gewesen, als das geschehen war; doch was konnte ihn das heute noch anfechten; es war nur zum Lachen, daß man plötzlich an so was denken mußte! Wo bist'n her? fragte Stüwe.

Aus Berlin , das heißt, eigentlich aus Klotzsche in der Altmark .

Ich bin aus Köln , am Gereonswall habe ich gewohnt. Aber wir müssen wohl hoch und weiter nach Woroponowo!

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