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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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ist mit Dir, man hört so verschiedenes. Mein Gott, wenn es wahr ist.. Anna und die Kinder. An den Gefreiten Franz Schwarzott:Liebster Franz!... Kämst Du auf Urlaub, da wäre doch Zeit gewonnen, und jeder Tag zählt. Aber vorlãufig heißt es hoffen, daß Ihr gut aus diesem Kessel freikommt. Wo Du hinhörst, ja, da heißt es: Der ist bei Stalingrad ... An den Soldaten August Fell:Mein lieber Sohn! Bei uns zu Hause ist auch alles in Aufregung. Nun ist ein großer Strich zwischen alles gekommen durch Willys Tod. Alles müssen wir abschaffen, vor allem die schõne Kuh, die uns soviel Butter gegeben hat. Für Vater ist die Arbeit zu schwer, er wird immer krummer. Der Etsch ist auch gefallen und der Häb hat den rechten Arm verloren. So hat ein jeder sein Kreuz zu tragen. Hoffentlich bleibst Du gesund. Und der Segen Gottes komme über Dich und führe Dich wieder in die Heimat. Deine Mutter.

In der Nacht vom 22. auf den 23. Januar, auf der Kalmückensteppe, südlich Woro- ponowo.. aber man mußte wissen, daß ein Eisenbahnstrang durch die weiße Wüste verlief, daß eine Stadt, ein Obdach sich in erreichbarer Nähe befand; man mußte sich daran erinnern, und schon das fiel dem von Detonationen, von Kälte, von Aus- hungerung betäubten Kopf schwer, daß man und war es in der Nacht vorher oder war nicht eine lange Zeit darüber hingegangen zwischen Gerümpelhaufen und an eingesunkenen Dächern und an Fisenbahnwaggons vorbeimarschiert war. Zu Schen war nichts als Schnee, und wer vom Wege abkam, versank darin wie in einem Meer; seine Bewegungen wurden hastig, er machte keine Schritte mehr, fast waren es jähe Schwimmstöße, und er begann zu schreien und wurde nicht gehört und

Schrie nur die Sterne zu sich herunter. Die großen flimmernden Sterne der Steppe ließen sich neben ihm nieder, auf dem Kamm der Schneewoge saß einer und blickte

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ihn an...NMein, nein, nein, Albin, Dir darf nichts passieren In den Stimmen der Heimat zitterte Aufregung, Auflehnung, Besorgnis, bäumte sich noch Hoffnung, blitzte dumpfe Empörung auf gegen ein namenloses Schicksal; in den Männern auf der Kalmückensteppe und auf den Schneefeldern und in den Schluchten an der Wolga war nichts dergleichen mehr, weder Aufregung, noch Auf- lehnung, noch Angst, noch Hoffnung, nur stumpfes Ertragen von Hunger, Kälte, Strapazen, stumpfsinniges Erdulden von Qualen. Mit abgetõteten Sinnen, müde und bepackt, z0g auch der Trupp Döllwang in dieser Nacht durch den Schnee. Die Straße war ausgetreten, war verweht, war wieder ausgetreten worden und wieder verweht, es ging durch Mulden und quer durch Schneemauern. Der Wasserturm wãre ein Ansteuerpunkt gewesen, doch in der blauen Nacht war er nicht zu sehen. Eine Wegbezeichnung gab es noch, doch es waren nicht meht die in den Boden gerammten Pfähle mit daran befestigten Strohwischen. Die waren als Brennholz weggerãumt worden, und jetzt ragten alle zwanzig, alle dreißig, alle vierzig Schritte, das eine mit Schenkel und breitem Beckenknochen, das andere mit Sprunggelenk und Huf nach oben, das eine kerzengerade, das andere schief in einem Schneehaufen

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