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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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In der Nacht vom 22. auf den 23. Januar war es.

In dieser Nacht wurden in Deutschland Briefe geschrieben: An den Gefreiten Mat- thias Lin?:Mein lieber Matthias!... keine Post, kein Wort von Dir. Wenn es so weitergeht, geht's mir bald wie Frau Salm, die war gestern regelrecht verrückt. Das machen alles die Gedanken an den Krieg, und gerade Dich muß es treffen, aus- gerechnet Du im Kessel, mein Gott.. An den Soldaten Johannes Leimer:Lieber Jochen! Gib mir bekannt, ob Ihr eingeschlossen seid oder nicht. Wenn es auf Wahr- heit beruht, mache ein Kreuzlein auf eine Ecke, mehr brauchst Du nicht zu machen... An den Gefreiten Wolfgang Specht:Mein lieher Mann!... wir alle sitzen wie auf Kohlen, ich höre auch von anderen, daß die größte Nervenkraft dazu gehört. Mein lieber, liebster Mann, tãglich bitte ich den lieben Gott, daß er Dich aus der Hölle von Stalingrad wieder herausführt. Ich glaube, dort spielt sich das Grauenvollste ab, was Menschen sich bereiten können.. An den Soldaten Hermann Krämer: Mein allerliebster Hermann! Als wir gestern abend beisammen saßen und den Bericht hörten, krampfte sich uns allen das Herz zusammen.Trommelfeuer über Stalingrad hieß es. Mein Gott, unser armer Papa, sagte ich. Und Gustl und Ilse schauten mich ganz traurig an. Daß Du uns nur erhalten bleibst und daß Du nur heil aus dem Kessel kommst... Mama, Gustl und IIse. An den Soldaten Karl Dennstãdt:Mein lieber Karl!.. ich kann Tag und Nacht nicht schlafen, kommst Du nicht wieder, so ist es nicht auszudenken. Ich bin sowieso vom letzten Flieger- angriff noch ganz daneben. Und tagelang keine Post von Dir. Ich könnte den Gas- hahn aufdrehen, so zumute ist mir... An den Obergefreiten Hans Daußig:Mein lieber Mann! Die Sache mit Stalingrad ist ja toll, und dazu die eigenen Sorgen! Es ist doch so, daß alle Anfänger in die Ecke gequetscht werden, darum ist die Schwarz- kopf seit dieser Saison auch wieder vom Opernhaus fort, sie wird aber von Rauch- eisen unterstũtzt und hat Gastspielabschlüsse. Alles ist Schwer, man kann sich schein- bar nur halten, wenn man einen einflußreichen Theatermann oder gar noch höhere Stellen hinter sich hat. Aber woher nehmen und nicht stehlen. Woher soll ich den Anschluß bekommen? Ich komme mir vor wie ein Rennpferd ohne Beiter! Tolle Zustände und sowas nennt man dann Kunst! Und Du, mein lieber armer Mann, in Stalingrad ! Wenn Du bloß nicht den schrecklichen Hãuserkampf mitmachen mußt!...

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