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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Und wenn Panzer kommen, überrollen lassen. Nicht schießen, Munition sparen, bis Infanterie komm. Dicht heranlassen. Erst feuern auf Befehl!

Altenhuden warf das Lehmstück mit dem Befehl zum Nachbar, zu Liebsch hinüber, und so gelangte der Befehl weiter und erreichte Fell und Wilsdruff und Rebstock und einen nach dem andern. Der Befehl kam von Pöllwang und kam noch weiter her, kam aus Woroponowo, vom Wasserturm und von Vilshofen . Ein Melder hatte ihn durch eine Schlucht und dann durch einen Laufgraben, dann in gleicher Art als Wurfgeschoß in die vorderste Lini⸗ befördert.

Und Altenhuden und Gnotke und Fell, an hundert Mann, Alte und Neue, die Döll- wang anführte, und an hundert Alte und Neue, die Latte anführte, lagen dreieine- halbe Stunde im Granatwerferschlag. Körper verlieren Stück um Stück jedes Emp- findungsvermõgen. Magen, die sich zuerst aufgebäumt haben, sind Zusammenge- Schrumpft zu leeren Säcken. Blasen drücken nicht mehr, sie haben sich Luft ge- macht. Man hat sich auf die Seite gelegt, oder wenn dazu kein Plat? war, mußte es auch anders gehen. Und Gehirne sind nichts als Erde; wer noch denkt, etwa an ein früheres Leben, oder an die Schuld Adolf Hitlers , oder an eine Lotte und daran, wen sie wohl nach dem bald eintretenden eigenen Tod heiraten wird, der ist wie der Schlosser Rebstock lange aufgesprungen und von kleinen Splittern zersiebt wie ein in tropisches Gewässer gefallenes Stück Fleisch und von tausend Kleinen Fischen augenblicklich gefressen worden.

Preieinehalbe Stunde fällt der Katarakt aus Fisen und Rauch und Feuer aus dem Himmel. Und mit der plõtzlich einsetzenden Stille ist nicht das Ende, ist ein Höhe- punkt in der Stufen- und Tonleiter des Grauens erreicht. Himmel und Erde er- starren, und man darf nicht atmen, man muß ganz Klein sein. Man hockt, man kniet, man liegt auf dem Bauch, man preßt das Gesicht in den Dreck.

Und da ist es: eisernes Dröhnen, Rasseln von Ketten, Aufdröhnen der gefrorenen Erde, Hauch von heißem 51, herabfallende Finsternis, wie ein Schatten zieht es über einem weg, und ein Wurf Schnee, losgebrõckelte Lehmstücke fallen in das Loch herunter. Die Panzer rollen über die Hockgrãber weg. Es muß schon ein grõßeres Loch sein, wo ein Panzer verweilt und sich um die eigene Achse dreht und Loch und Mann und Schnee unter sich verquirlt.

Artillerie, Granatwerfer, Panzer, eine gan?e Maschinerie der Hölle, wie deutsche Technik sie entwickelt, deutsche Arbeit sie überdimensioniert, eine deutsche Gene- ralität sie mißbraucht hat, um andere Völker zu zertreten, hier ist sie in den heraus- geforderten Dimensionen und rollt über deutsche Soldaten weg, die verholzt, ver- steinert, eingeschrumpft wie Mumien in der Erde hocken.

Die Panzer sind durch.

Bine neue Welle der Stille das Artilleriefeuer ist weiter nach rückwärts verlegt dauert, bis Menschen hörbar werden. Knarren. Klappern von Blechgefäßen, Spaten. Knirschen. Aufheulen, Schnauben, tierisches Geschrei, eine anstürmende Woge. Und jetzt hoch! Die steifen Glieder bewegen, auf tauben Füßen stehen, auf tauben

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