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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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recht gehabt und ist in Oberschöneweide geblieben und jetzt in der Fabrik Vormann über seine GruppeRußkis geworden; und Liesbeth ist die Schwester und ist Bibel- forscherin, und er hat über sie gleacht, doch das hier ist dasgläserne Meer und istHeulen und Zähneklappern, aber wirklich und nicht bloß auf dem Papier; und der Hitler, das ist doch zum Wahnsinnigwerden, nichts zu essen und Schnee und ein Gewehr zwischen den Knien, und sagt:Ich hau' euch raus! und tut nichts und Sagt:Nehmt euch ein Beispiel an mir! und überall liegen Tote, und für so was hat man agitiert, und wenn einer gemeckert hat, dann hat man ihm womöglich noch ins KZ verholfen, und Lotte, um Gottes willen(Lotte ist die Frau), wenn ich nun verrecke wie alle andern, dann nimmt Lotte sich den Hans. Und vielleicht hat sie recht, und vielleicht hat auch die Liesbeth recht, und er hätte denRußkis doch mal einen Kanten Brot und mal eine Zigarette abgeben sollen, und der Kopf wird ihm schließlich hier zethackt, weil er dämlich war und weil er es darauf an- gelegt hatte! Und weiter und in andern Löchern, da hockten Altenhuden und Gimpf und Liebich und Wilsdruff und Rieß, und wieder ein Meuer und noch Meue. Und Altenhuden war mit seinen sechsundzwanzig Jahren so zermürbt, als ob er tausend Jahre Leben hinter sich hätte. Gimpf nahm sich vor, Keinen Schritt mehr zu tun, in diesem Loch wollte er endlich liegenbleiben und begraben sein. Liehich war an der Grenze des Ertragbaren angelangt, preßte den Kopf zwischen beide Hände und fuhr sich unter die Haube und betrachtete dann die Haare, die ihm in den Händen geblieben waren. Wilsdruff hatte vergessen, wer er war und wo er Wwar, und daß er Frau und Kinder hatte, und empfand nicht viel mehr wie auch ein Klumpen Lehm vielleicht empfinden könnte. Rieß heulte und fluchte abwechselnd und schwor, daß das sein letztes Trommelfeuer und sein letzter Granatwerferschlag sei, und daß er nichts mehr mitmachen wird. Genug von dieser verfluchten Scheiße, abhauen und sich selbständig machen, wie andere auch, und es liegt genug herum auf den Wegen, wovon man zehren kann.

Altenhuden lag mit Gimpf im selben Loch.Wo hast du denn eigentlich die Stiefel her, dick mit Pelz gefüttert, das ist ja allerhand!Die habe ich von Gnotke, der hat sie mir gegeben wegen meines erfrorenen Fußes! erwiderte Gimpf.-Und wo hat der sie organisierr?Gar nicht organisiert, der Oberst hat sie ihm ge- schenkt. Die hat der Oberst vorher getragen, der trägt jetzt Filzstiefel!Das nimmt hier kein Ende mehr! sagte Altenhuden nach einer Weile.Von mir aus kann eine Granate kommen und uns hier zudecken, dann brauch' ich doch endlich nicht mehr weiter!Von mir aus nicht, ich will denn doch noch mal nach Memitz und noch mal auf den Grabowwiesen die Heuernte mitmachen. Denkst du eigentlich niemals an Zuhause?Zuhause... sagte Gimpf nur und das war ein verlorener Seufzer unter diesem Himmel und in dem Rauschen und Brodeln ringsherum. Ein gefrorenes Lehumstück flog in das Loch hinein.

Altenhuden griff danach. Ein Zettel war daran geheftet und auf dem Zettel war mit großen Buchstaben aufgemalt:Wenn Feuer zu Ende, dann liegenbleiben.

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