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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Geschöpf. Der andere war der Unteroffizier Gnotke. Die Zeit stand still, und der kleine Finger gehorchte nicht mehr. Und wo waren die andern, fünf Meter weiter, zehn, fünfzig, hundert Meter weiter, verstreut in andern Löchern. Kein Gang, kein Blick führte zu ihnen. Der Trichterrand bildete den Horizont, die Grenze der bewohn- baren und begehbaren Erde. Der kleine Finger zitterte. Finer, der die erlaubten Grenzen überschritten hatte, schrie in nächster Nãhe.Die Lunge zerrissen! hauchte Gnotke; an der Art der Schreie unterschied er die Art der Verwundungen. Als das Aufheulen des Verwundeten vergurgelte, sank Gnotke wieder in sich zusammen. Die Hände hielt er in den weiten Mantelärmeln verborgen Michts rührte sich an ihm. EFr atmete ruhig. Glühende Splitter fegten über den Trichter. Sie zogen so flach über den Boden und sie sind so scharf, daß sie im Sommer das Gras abmähen. Einer fiel herunter und sengte ein Loch in den Döllwangschen Mantel. Gnotke schlief einen so wachsamen Schlaf, daß er sofort die Augen öffnete, den Splitter mit bloßen Fingern ergriff und in den Schnee hinausschnipste. In diesem Moment bemerkte Gnotke den Zustand seines Hauptmanns. Nicht nur der Finger, die ganze Hand flatterte. Der Blick Gnotkes ging von der Hand zum Gesicht und den Augen. Die Lippen Döllwangs waren geöffnet, daß die fest aufeinandergesetzten Zähne sichtbar waren. Und das mochte noch angehen, war ein Zeichen äußersten Angespanntseins. Aber die Hände und dazu die weitaufgerissenen, ins Wesenlose starrenden Augen! Eine halbe Stunde schwerstes Trommelfeuer, stundenlanges Granatwerferfeuer, und kein Ende abzusehen und vergessen, daß überhaupt ein Ende eintreten könnte! Es bleibt nur die Wahl zu sterben oder wahnsinnig zu werden, aber das ist nicht wahr, ist eine rhetorische Umschreibung des wahren Zustandes. Es gibt da eine lange Stufenleiter der Erscheinungen, Zitterbewegungen, Gefühllosigkeit, Schreikrämpfe, Gebete, unwillkürliche Entleerungen, das alles gibt es, und das alles gab es hier im Umkreis, unter den Alten und unter denen, die gestern noch als Vermessungssoldaten oder in einer Reparaturwerkstatt gearbeitet oder in anderen Rückwärtigen Piensten gestanden hatten. Und die Hosenvoll zu haben, ist nicht das Schlimmste. Mach fauchend krepierender Granate den Kopf herumreißen, dann, vom Schrecken ge- lähmt, die Muskeln nicht mehr bewegen können und mit bewegungslosem Genick ausharren und sich einem Bajonettangriff ausliefern zu müssen, auch das hatte Gnotke schon gesehen, ist Schlimmer. Dieser Hauptmann, das wußte er, hatte vor acht Tagen noch in irgendeinem Berliner Büro gesessen. Und Gnotke war nicht mehr der un - beteiligte Beobachter, der er noch gewesen war, als er den Augen des Lehrers Dingel- stedt angesehen hatte, was kommen würde, und er doch keine Hand gerührt hatte, dem Schicksal in den Arm zu fallen. Er war hier derselbe, der Gimpf aus dem Todes- loch herausgezogen hatte, nur das Motiv war dort und hier nicht dasselbe; dort war es die schreckliche Furcht, allein bleiben zu müssen, die ihn bewegt hatte; hier war es nicht mehr eine solche Furcht, hier war es anderes. Döllwang wußte nicht, daß er taub, daß er von Sinnen, daß er völlig abwesend war. Das ging ihm erst auf, und auch nicht sofort, als er den Druck einer Hand auf seiner

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