Der General preßte die Zähne aufeinander. Und auch er dachte plötzlich an das Gesicht mit den großen stieren Augen über der plumpen Nase; und er, der Sechzig- jährige, dachte plõtzlich an seinen Vater, der als junger Kompaniechef, als ihm Unrecht angetan werden sollte, seinem Obersten vor versammelter Mannschaft mit der Spadille zu Leibe gegangen war!
Da war bei Höhe 107 der Major Holmers, Kommandeur einer motorisierten Ar- tillerieabteilung. Holmers war 32 Jahre alt, und als über Deutschland die Haken- kreuzfahnen hochgegangen waren, war er 22 gewesen und Student der Rechte Gpezialisiert auf See- und Handelsrecht und Schiffahrtswesen), dem„Zug der Zeit“ und seinen Kommilitonen folgend, war er SS-Mann geworden. Und es war wieder der„Zug der Zeit“(außerdem war ihm die SS inzwischen gründlich über und er hatte versucht, mit gutem Wind da wieder wegzukommen), als er Offizier wurde. Für den Sohn eines Hamburger Exportkaufmanns und Schiffsreeders war die Lauf- bahn des Berufsoffiziers ein glatter Bruch am vorgezeichneten Weg. Das war die Meinung des Vaters, die er nicht hatte wahrhaben wollen, und noch weniger hatte er einsehen wollen, daß an seinem persönlichen Fall der grobe Knochenbruch sichtbar wurde, der unter Hitler an einer ganzen Schicht deutscher Kaufleute vor- genommen wurde. Wie vorher Handel und Seeschiffahrt und die Gesetze der Be- wegung von Kaufmannsgütern, waren es nachher die Gesetze der Bewegung ge- Schossener oder geworfener Körper, die er mit allem Fifer studierte. Dieses Stu- dium und diese Tätigkeit hatte ihn als Artillerieoffizier durch Frankreich , hatte ihn bis vor Moskau und hatte ihn schließlich bis zur Höhe 107 bei Stalingrad geführt; und da lag er mit allen Rädern fest im Schnee— wenig Munition, wenig Leute, kein Betriebsstoff, und eigentlich war er nur noch der Verwalter eines Parks an Kanonen, Lafetten, Zugmaschinen. Von seinen Leuten war die eine Hälfte heraus- gezogen und als Ersatz in die Infanterielinie geschickt worden; die andere Hälfte lag marode in den Bunkern. Und die freigewordenen Bunker waren von Versprengten aus zurückflutenden Truppenteilen bevölkert worden. Und während jetzt der Ar- tilleriekampf tobte, in den er nicht eingreifen konnte, denn er verfügte für den Fern- kampf über keine Munition mehr, hatte er einen Anruf von seiner Division erhalten: „Holmers, Sie können ja wohl für eine Stunde von Ihrem Dienst abkommen!“ „Ja, kann ich!“—„Da, bei Ihnen am Tatarenwall“ liegt doch alles voller Leute!“— „Jawohl, Versprengte— in Stalingrad werden sie nicht reingelassen, und da sam- melt sich das alles hier am Wall!“—„Es handelt sich um einen Sonderauftrag der Division, hören Sie also zu!“
Und der Sprecher am andern Ende des Drahtes setzte Holmers den Sonderauftrag auseinander. Holmers antwortete lakonisch:„Jawohl... jawohl. jawohl., und nachdem er alles vernommen hatte, sagte er, und es klang nicht so sehr anders und hatte den gleichen Umterton wie das abschließende Wort jenes Majors Buchner an einem andern Ende der Front:„Zu Befehl, Herr Oberstleutnant!“
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