ersten und zweiten Weltkrieges an der Brust, und die eine Gesichtshälfte dieses hohen Offiziers zuckte. Von der Decke lõste sich Dreck ab. Das Wasserglas auf dem Tisch trommelte. Der General, der gesprochen hatte, unterbrach seinen Vortrag, lauschte auf den hinter der Verschalung rieselnden Sand und setzte dann fort:„Nach meinem Ermessen ist der Zusammenbruch nicht mehr aufzuhalten. In der Nacht flog eine einzige Heinkel 111 ein, ein vollständig lächerliches Beginnen. Was uns fehlt, ist haupt- Sächlich schwere Munition und Sprit. Es ist nicht mal genügend Sprit da zum Fort- schaffen der geringen Mengen Versorgungsgüter zu den Korps und Divisionen. Wieder ein Finschlag in der Nãhe, wieder Dröhnen, wieder trommelte das Wasser- glas auf dem Tisch und rieselte abgebröckeltes Erdreich hinter den Verschalungen. Der Hagere mit der zuckenden Gesichtshälfte wandte sich an den Chef seines Stabes und diktierte einen Funkspruch:„Die Festung ist nicht mehr zu halten. Verhun- gerte und verwundete und dann erfrorene deutsche Soldaten liegen längs der Straßen. 1. Ich habe deshalb einen organisierten Ausbruch nach Südwesten befohlen. 2. Für Spezialisten(bei Offizieren namentliche Angaben) bitte rechtzeitig Maschinen zum Ausfliegen hersenden. Meine Person schaltet dabei aus.“
. Da saß in schneeverwehtem Erdloch zwischen Gumrak und Gorodischtsche der Funkerleutnant Stetten, und wãhrend er den telephonisch übermittelten Funkspruch des Armeeführers sendete, sah er mit einem Blick durch das kleine Fensterloch Rauchfetzen vorbeitreiben, und der Himmel über der Schlucht war schwarz von ziehenden Qualmmassen.
Da stapfte unter dem gleichen verqualmten Himmel der Kommandierende General des mit der Front nach Norden und zur Wolga liegenden Armeekorps ruhelos durch den Schnee. Das Kinn stopplig, das sonst gepflegte weiße Haar nicht gebürstet, die elegante Reitererscheinung unter flatterndem Tarnmantel. General der Artil- lerie- seine Kanonen schwiegen. Er stapfte auf einem durch den Schnee getretenen Pfad bis zur Straße und auf dem Pfad wieder zurück. Einmal hatte er— einer der fünf᷑ vor Stalingrad liegenden Kommandierenden Generale — gegen die befohlene Einigelung protestiert und den Armeeführer aufgefordert, auch gegen den Befehl der Führung nach Westen durchzubrechen. Parüber waren nun fast sechzig Tage hingegangen, und auf dem Weg, den er ging, und auf den Feldern, an denen er vorbeikam und vor den Bunkern rechts und links der Schlucht lagen die Leichen erfrorener Soldaten, die nicht mehr bestattet wurden. Als er in die Seitenschlucht einbog, in der sein eigener Bunker sich befand, hatte er plõtzlich zwei Infanteristen vor sich. Die beiden Knieten und einer hielt den andern umfaßt und hielt ihm den Kopf:„Mich hinlegen, August, dann Stehst du nich mehr auf, dann is aus!“ Der so Angeredete legte sich aber doch hin. Der andere blieb bei ihm; er kniete weiter, und seine Halt suchenden Hände faßten in den Schnee.
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