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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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und ein Blick in Augen, doch nicht in jene Augenträumerischer Versunkenheit und zugleich von heidnischer Helle; es waren große stiere Augen über einer knolligen Nase, in die er blickte(Herrgott, im OKH über die Lage berichten, das heißt doch IHM berichten); und in dieser Sekunde, als in der Nähe neue Einschläge saßen, als der Boden unter den Füßen wankte, als Rauchschleier sich hoben und an Stelle eines Hauses ein übriggebliebener Steinklotz mit hervorspießendem Gebälk, mit Resten der Fußbodenlage, mit plõtzlich im Freien hängenden Möbelstücken, sich aus fallendem Staub erhob, und als er in Höhe der dritten Etage einen an einen Fisentrãger angespießten Rumpf und an der Giebelwand angemanschte rosige Flecke, die Reste von Infanteristen, die eben am Haus vorbeimarschierten, erblickte, in dieser Stunde blickte Oberst Carras seinem Führer in die Augen, und niemals war er ihm so nah.

Da gab es, und das war nicht weit von der Kaufhausruine entfernt, einen Ober- leutnant Wedderkop und einen Feldwebel Lachmann. Zusammen mit einer Anzahl wüster Gesellen hockten sie in der Enge eines der Stalingrader Kanalisationsbecken. Die Bande war eben von einem ihrer nächtlichen Streifzüge zurückgekehrt. Sie hatten gegessen und getrunken und die Reste noch vor sich auf den Knien liegen. Als das Bombardement begann, versuchten sie das Dröhnen zu überschreien. Ein Eßgeschirr voll Schnaps ging von Hand zu Hand. Finer spielte auf einer Mund- harmonika, ein anderer blies dazu auf einem Kamm, die übrigen grölten. Wedder- kop, der seine Gehirnerschütterung überstanden hatte, aber völlig entschlußlos war und auch nicht wußte, wie er von der Gesellschaft, der er nun einmal angehörte, wieder loskommen könnte, tat ihnen Bescheid und grölte fast noch lauter als die anderen. Das dauerte bis eine mächtige Detonation die Erde erschütterte und Dreck, Qualm, Kalkstaub die Luft anfüllte; und nachher waren es nur Wedderkop und Lachmann, die sich bis ans Licht durchwühlten.

Da war Hauptmann Tomas, mit einem Unteroffizier mit grauem Kopf und blutend aufklaffendem Gesicht und seinem Fahrer saß er in dem Kfx 15. Er war über Gumrak und Stalingradski gekommen und im Begriff den Weg nach der Bunkersiedlung Hartmannsdorf einzuschlagen, als der Luftdruck eines krepierenden Geschosses den Wagen umstürzte und in eine mit Schnee angefüllte Schlucht warf. Als Tomas sich wieder herausarbeitete und zu sich kam, waren der Fahrer und der Unter- offizier verschwunden. Nach einer Weile und nachdem die beiden tot aufgefunden worden waren, setzte er seinen Weg zu Fuß fort.

Da war die BunkersiedlungHartmannsdorf , ein von einer Truppe ausgesucht langer Kerle bewachtes Gelände. In einem der Bunker saß, von Generalen und Obersten umgeben, ein hagerer Herr, die große Ordensspange mit Orden des

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