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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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bebte unter den pausenlos die Erde peitschenden Schlägen, und Staub und Dröhnen erfüllte die Luft. Da geschah es, daß in nächster Machbarschaft eine Bombe ein- schlug. Die Türen flogen auf, und Staub und Schnee und Bretter fiogen durch die Luft. Der General tastete nach seiner Wange, betrachtete dann seine Hand und die war blutig. Danach erledigte er alles fast gleichzeitig oder doch kurz nachein- ander. Er ließ den Arzt rufen, ließ den Kommandeur der vor Zybenko zerschlagenen Infanteriedivision rufen, ließ seinen Burschen rufen und eine fernmündliche Ver- bindung zur Armee herstellen. Der Arzt umwickelte seinen Kopf. Der Bursche packte seine Koffer. Zwei Stunden später war alles erledigt.

Auf dem Funkwege war die Meldung Jänickes über seine Verwundung im Personal- amt des OKKH in Berlin eingegangen. Der Chef des Personalamtes, ein alter Freund Jãnickes, hatte funktioniert, und Jãnicke hielt den Befehl zum Ausfliegen in der Hand. Der Kommandeur der bei Zybenko zerschlagenen Infanteriedivision trat bei Jãnicke ein und mit steinernem Gesicht hörte er an, was sein Kommandierender General ihm zu sagen hatte. Er übernahm die Geschäfte des Korps, übernahm zwei zer- schlagene Infanteriedivisionen, übernahm einige Artillerieabteilungen ohne Ge- schütze, dazu eine rumänische Pivision, die nicht nur ohne Flak und Pak, die zum großen Teil auch ohne Handwaffen war. General Jänicke verließ den Bunker, um nach Gumrak zu fahren und auszufliegen. Die Herren des Stabes schüttelten den Kopf und tauschten bedeutungsvolle Blicke aus.

Schwer verwundet was ist eigentlich passiert?

Ein Brett hat ihn am Kopf gestreift!

OKH, Personalamt, das hat aber geklappt, der Chef da ist ein alter Regiments- kamerad Jänickes!

Und da gab es, das war in der Stalingrader Kaufhausruine, einen Obersten Carras. Frisch gewaschen und rasiert(das Wasser hatte von einem Wasserloch her durch eine von russischen Scharfschützen eingesehene Straße gebracht werden müssen) hatte er sein Zimmer imZahnstocher betreten. Er hatte noch einen Blick in die Runde und(noch einen letzten Blick, wie er glaubte) auf den gefrorenen Wolga - strom werfen wollen, ehe er sich auf den Weg zum Flugplatz Gumrak machen würde. Vor einer Stunde war der Befehl eingegangen: Oberst Carras soll zur Berichterstat- tung zum OKH fliegen! Als er jetzt über den Strom blickte, Sah er die Leuchtzeichen aufsteigen, und er bemerkte auch das rote Mündungsfeuer der Langrohrbatterien am andern Ufer. Bis zehn hätte man zählen können, solange dauert es das Fin- schlagen und Krepieren eines 24-cm-Geschosses und die Verwandlung eines Hauses in einen Ausbruch fliegender Betonfetzen, Balken, Fisen-, Blechstücke. Und eine Welt versank, eine Fahrt nach Gumrak, ein Flug nach Berlin , OKH und Bericht. Als Carras seinen aufklaffenden Mund wieder schließen konnte und er mit schlot- ternden Knien dastand und gegenüber an Stelle eines Hochhauses einen andern Zahnstocher erblickte, war alles wieder da: Fahrt und Flug und OKH und Margot

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