der Befolgen einer höheren Pflicht wäre, und wo, wenn dieses Signal noch immer nicht kommt, ist das Volk, wo sind die Männer, welche ihre falschen Führer auf die Seite werfen und aus Figenem handeln?
Wo ist Auflehnung? Eigenmächtigkeit, Zorn?
Wo ist unser Volk?
Haben wir es so zerrieben, haben wir die Seelen so ausgebrannt, daß nun kein Auf- trieb mehr sein kann?
Vilshofen läßt im Geiste die Parade geiner Männer an sich vorbeizichen, er sieht nur leere Gesichter, kein Gruß in den Augen, keine Hoffnung, keine Verzweiflung, nichis.
Nichts.
Ein grauer Tag. Von Südosten, von der Steppe und dem Wolgaknie her kam ein leichter Wind. Ein Leuchtzeichen, nicht schneeweiß, sondern mit rötlich gelbem Schimmer, stieg draußen über der Steppe auf, ein zweites, ein drittes. Nicht nur Vilshofen und der Artilleriekommandeur auf dem Wasserturm Woroponowo, auch Oberst Enders hinter dem Ausguckloch im Gemäuer seines Schornsteins, auch Oberst Steinle weiter nördlich, auch Major Keil in einem Schneeloch westlich der Ringbahn auf halbem Weg zwischen Pitomnik und Haltepunkt 44, alle Beobachter von HP 44 bis Woroponowo und weiter bis Pestschanka und weiter bis zur Wolga und dem am Wolgaufer angelehnten Südflügel der Front bemerkten die gleichen Raketen. Major Buchner wurde durch diese Signale der Notwendigkeit enthoben, geine Flak nach vorn zu schicken. Die Geschütze mußten stehenbleiben, wo sie Standen.
pür Vilshofen waren die am Himmel zerplatzenden weißen Sterne und das augen- blicklich einsetzende Aufblitzen feuernder Geschütze eine Befreiung aus quãlendem Dilemma. Der Apparat, der zu spielen begann— der Artilleriekommandeur, der Flakkommandeur, Entfernungsmesser, Beobachter, Funkermeldungen— der Apparat nahm ihn gefangen, beanspruchte seine Aufmerksamkeit, seine Erfahrungen, erfor- derte seine Entscheidungen.
Es blieb kein Raum für Fragen, es blieb nur der Kampf.
Der Mechanismus läuft, auch wenn er leer läuft. Der Entfernungsmesser liest Ent- fernungen ab, der Kommandeur trãgt beobachtete Artilleriestellungen in seine Karte ein, auch wenn keine Munition da ist und niemals da sein wird, um die feindlichen Batterien zu bekämpfen. Die vorhandene Munition reichte allenfalls noch aus, um bei massierten Angriffen auf die eigene Linie gegen Panzer oder vorgehende Infan- terie gerichtet zu werden.
Minuten vergingen, und das Dröhnen der russischen Artillerie verschmolz zu einem einzigen langausrollenden Grollen. Auch der Qualm und die aus Schneemulden aufsteigenden Rauchbäume der Raketengeschütze und der Mündungsrauch der feuernden Batterien verschmolzen zu einer einzigen Masse, die sich schwer über das weiße Land wälzte, den eigenen Stellungen entgegen.
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