sollte. Die Kampfgruppe Vilshofen war jetzt in zwei Abteilungen gegliedert, in die Gruppe Döllwang und in die Gruppe Latte. Als Döllwang mit seiner Gruppe den Hof verließ, wurde es dunkel; als die später eingetroffene Gruppe Latte abmar- schierte, war es schon Nacht(es war in derselben Stunde, in der Hauptmann Tomas sich auf dem Wege zum Bunker des Obersten Schwandt und dem großen Haufen von Fahrzeugen befand). Die Gruppe Latte, wie vorher die Gruppe Döllwang , kam am Wasserturm vorbei, kreuzte die Eisenbahngleise, ließ den Riesenpulk zusammen- gefahrener bewegungsloser Waggons, in manchen schimmerte schwaches Licht, hinter sich liegen und schlug die Richtung nach Südwesten über die schneestarrende Steppe ein.
Nach vorn zur Truppe hielt er Verbindung durch Melder. Nach hinten zu den Stäben in der Zarizaschlucht führte eine Fernsprechleitung, und eine Querverbin- dung gab es noch zur Nachbartruppe, zu einem Regiment, dessen Kommandeur, ein Oberst Enders, wie Vilshofen von dem in Woroponowo liegenden Artillerie- kommandeur erfahren hatte, vor drei Wochen eingeflogen worden war.
In Angelegenheit der Lage der Nachbartruppe und der Aufstellung seiner eigenen Gruppe hatte er mit dem Nachbarn ein Ferngespräch geführt. Er hatte die Aus- künfte, deren er bedurfte, klar und übersichtlich genug erhalten. Darüber hinaus schien es sich bei diesem Obersten Enders um einen eigenartigen Herrn zu han- deln. Sein Stab läge in einer Ziegelei, er selbst wohne in einem Schornstein. Daß Verstärkung herangezogen wäre, ließe sich wohl nur dahin deuten, daß die Kiste um Woroponowo herum nun wohl endgültig in die Luft gehen würde! Im übrigen hätte er die halbe Nacht damit zugehracht, die Sprüche des Lao-tse , eine sehr zeit- gemäße Lektüre, zu lesen. Und den Pfarrer, so sich einer bei der Kampfgruppe befände, katholisch oder evangelisch, das sei ihm egal, und er wolle sich nur unter- halten, möchte man ihm herüberschicken.
Nachts gegen drei Uhr meldete Vilshofen nach hinten, daß seine beiden Gruppen ihre neuen Stellungen bezogen hätten. Danach legte er sich nieder. Er war müde, konnte aber sobald nicht einschlafen. Major Hedemann, Major Runz, Hauptmann Steiger, Wedderkop, Tomas(den Latte am gleichen Tage erwähnt hatte), der Soldat de Wede, Gnüssel, Wahler, Dusch und wie sie alle hießen, die im Schnee zurück- geblieben waren, eine endlose Prozession fliehender Gesichter und Gestalten bewegte sich vorbei und eine Folge fliehender Gedanken. Die Sprüche des Lao-tse .. und Oberstleutnant Unschlicht, und der ist doch sonst ein nüchterner und exakt funk- tionierender Offizier, versammelt im Stabsbunker ein Herrenkränzchen um sich und läßt„Fin' feste Burg... und sonstige fromme Lieder singen und spielt die Block- flõte dazu.. und Woroponowo, ein ganzer FEisenbahnpark, eine ganze Stadt voll Goviel hat er bereits gesehen) maroder und marodierender Soldaten... und er, er hält einen Haufen hungernder, aber immer noch disziplinierter und immer noch kãmpfender Soldaten in der Hand, dazu einen ergebenen, vertrauensvollen Offizier,
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