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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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befand sich die Kampfgruppe Vilshofen , auch die aus der Dammeschen Division hervorgegangene Kampfgruppe Steinle, auch die ebenfalls Damme unterstellte Kampfgruppe Keil.

Woroponowo:

Ein Wasserturm, eine konisch aufstrebende Eisen- und Betonkonstruktion mit auf- gesetztem dickem Kopf, eine graue schemenhafte Figur, wenn Tag und wenn Schnee- luft war, ein aufgerecktes finsteres Mal, wenn Nacht war und Sterne am Himmel standen; dieser Wasserbehälter war die sichtbare Mitte und das Auge in die süd- wärts sich im Endlosen verlierende Steppe. Zu Füßen des Turmes bot sich dem Blick nichts als ein wüstes Feld von schneeüberpulverten Müllhaufen, Schutt und Bruch, ein zerbombtes und halbabgefetztes Bahnhofsgebäude, im Umkreis Hütten und Ställe, halbzerstörte und auch heilgebliebene. Bombenkrater, einige davon nur offene Schlünde, andere abgedeckt und in Bunker verwandelt. In einem hauste der Bahnhofskommandant, der keine Arbeit mehr hatte. In einem anderen saßen Feld- gendarme, die nichts mehr taten als Karten spielen und darauf warteten, von ihrem Korpsstab, der näher an Stalingrad heran, nach Werchnaja-Jelschanka umgezogen war, abberufen zu werden. In noch andern Bunkern und den daneben gelegenen Gehöften war ein Verpflegungsamt untergebracht. Und ebenfalls in Bunkern, auch in Gebäuden befand sich das Feldlazarett. Bunker, Schneehütten. In Bahnunter- führungen Artilleriestellungen. Auf der Station Lokomotiven ohne Dampf. Güter- züge, Personenzüge, Behelfslazarettzüge, die nicht mehr fuhren und die auch nir- gends mehr hinfahren konnten. Auf der Ringbahn fuhr zeitweilig, und dann auch nur ein kurzes Stück, eine Draisine. Der nach Marinowka und weiter nach Kalatsch abzweigende, und nach Tazinskaja führende Eisenbahnstrang war schon wenige Kilometer weiter westlich abgerissen und in den Händen der Russen. Zerstörte oder unzerstörte, bewohnte oder unbewohnte, kalte oder mit kleinen Blechöfen geheizte Waggons, in langen Reihen auf sechzehn, auf achtzehn Parallelgleisen da- stehend, und darunter, gebückt und manchmal auf allen vieren kriechend, sich zum Bahnhof hinwindend, um Wasser zu holen, auf der Suche nach einem Stück Kohle oder sonst nach Brennbarem und Brauchbarem, Unrathaufen durchwühlend, die Station und den Umkreis umschweifend, ein graues träges Gewimmel von Ge- schöpfen, die einmal Soldaten und einma! Menschen waren: das war Woroponowo, die letzte Etappe vor der nur wenige Kilometer westlich und wenige Kilometer süd- westlich und südlich verlaufenden Front.

Vilshofen war mittags eingetroffen und hatte einen leerstehenden Bunker des Ver- pflegungsamtes bezogen, Andere Bunker und einen Teil des Gehöftes(s waren Rãume und Stãlle eines ehemaligen Fuhrunternehmens oder Fuhrartels, wie es hier hieß) ließ er von dem verstörten Wirt, einem Stabszahlmeister mit rosigem Port- weintrinkergesicht, der mittags noch in Hausschuhen einherschlurfte, für die Be- dürfnisse seiner Truppe räumen.

Stabszahlmeister Zabel hatte Veranlassung verstört zu sein. In seiner braunschwei-

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