Doch keine Antwort wurde dem Fragenden. Nur das Aufbrechen eines Koffers und das Schnaufen eines Marodeurs, der darin wühlte, war zu vernehmen.
Tomas ging still davon.
Es raschelte wieder, auch hier war Stöhnen, auch hier waren flehende Stimmen. Fin Sterbender redete im Delirium. Vergebens aber wurde um Hilfe, um einen Trunk Wasser, um irgendwelche Dienste gebeten. Die Marodeure durchstöberten das Gepäãck von Beurlaubten, von Verwundeten, von Toten und kümmerten sich sonst um nichts.
Ein Schuß krachte, ein zweiter, ein dritter.
Ein Geschoß krepierte mitten im Pulk. Ein vielstimmiger Aufschrei antwortete. Ein Unteroffizier lief vorbei, er blutete, und rief:„Wir sind umzingelt, Russen in weißen Schneemänteln!“
Tomas erreichte seinen Wagen, nahm neben dem Fahrer Platz. Der Wagen hatte sich durch das Dickste durchgewürgt. Mit gelegentlichem Rückwärtsfahren und Anläufen und Bohren kamen sie stückweise vorwärts. Das Schießen ging weiter, es waren Tankgeschosse. Wagen mit Munition gingen in die Luft, streuten in weit ausgreifenden Fontãnen Feuer und Brocken. Der Pulk schwitzte gleich schwarzen Tropfen Menschen aus, einzelne und auch Keine Gruppen, die durch den Schnee stacherten und sich fluchtartig nach Osten bewegten.
Der Himmel wurde schon grau.
Tomas erreichte die freie Straße, kam an Haufen Zurückftutender vorbei. Er tauchte mit seinem Fahrzeug in einen tief eingeschnittenen Graben ein, und als er wieder auf die ebene Straße heraufkam, hatte er eine ganze Heeressäule Soldaten vor sich- ohne Waffen, in zerschlissenen Mänteln, an Stöcken humpelnd, auf lumpenumwik- kelten Füßen vorwärts wankend. Viele hoben die Hände, viele schrien, alle wollten mitfahren, alle wollten nach Stalingrad . Einen Unteroffizier mit bloßem grauem Kopf und tief aufgeklafftem Gesicht nahm Tomas mit.
In dieser Nacht gingen Pitomnik-Flugplatz und PitomnikPorf verloren. Eine neue Verteidigungslinie bildete sich, teils aus den zurückgehenden Truppen, teils aus Versprengten und Hungernden, die sich eines Stückes Brotes wegen wieder nach vorn werfen ließen. Die neue Linie bildete sich einige Kilometer vor der Ring- bahn, und zog sich südwärts, kreuzte die Eisenbahnlinie Stalingrad-Marinowka, umfaßte Pestschanka, wo sie einen spitzen Winkel beschrieb und zur Wolga führte. Woroponowo war das Zentrum des nach Südwesten und Süden gerichteten Front- abschnitts, der jetzt in den Brennpunkt der Kämpfe rückte. Die 29. mot war schon vor 10 Tagen hier herausgezogen und an der Westfront in den allgemeinen Unter- gang hineingerissen worden. Die hier in Stellung legengebliebene 297. und 371. I.D. waren veit den Kãmpfen um Krawzow und Zybenko derartig dezimiert, daß sie nicht mehr hielten und das Oberkommando sich genõtigt sah, eilends zusammengeworfene Truppen in Richtung Woroponowo in Marsch zu setzen. Unter diesen Truppen
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