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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Scheinwerfers aufflammten, sondern daß er hinter diesen verwahrlosten, verwilderten und todmüden Zügen den Anlaß der Verwahrlosung, Verwilderung, der Todes- krankheit suchte.

Was ist mit Vilshofen los an Vilshofen mußte Tomas, als er da von Wagen zu Wagen ging, plõtzlich und ohne daß Latte ihm Näheres gesagt hatte, in seltsamer Weise denken. Das Wort Vilshofens tõnte auch hier: Finer frißt den andern; wer schwach ist, fällt; wer krank ist, bleibt liegen! Und Tomas hörte es kreischen! Die Krähe hockte fett und riesig aufgebläht auch über diesem Pulk!

Tomas Sah zuerst nichts, das er nicht schon geschen hätte, in Bunkern bei Dubi- ninski, in verlassenen Waggons an der Fisenbahnstrecke Marinowka-Woroponowo, in Stalingrad bei Razzien imTimoschenko - oder Theater-Keller oder sonst in Schlupfwinkeln der Stalingrader Marodeure. In einem Wagen sah er einen Mann über einem aufgerissenen Sack hocken und mit beiden Händen Backobst in sich hineinstopfen. In einem anderen Wagen saßen drei mit eingeschmierten Händen und rotverschmierten Gesichtern über einem Marmeladeneimer und taten so viel in sich hinein, als nur hineinging. In noch einem Wagen, ausgepolstert mit Decken und zusammengetragenem Gelump, zählte er eine Gesellschaft von fünf Mann bei einem kompletten Gelage. Die hatten Knäckebrot und Speck und Pauerwurst in Mengen vor sich, auch Schokolade und Schnaps war da.

Marodeure sind binnen 24 Stunden zu erschießen! lautete der Armeebefehl, aber Tomas unternahm nichts. Wozu der eine, der mit den Backpflaumen, wird sich morgen wie ein Gaul mit Kolik auf der Straße winden; die anderen, die am Marme- ladeneimer, werden sich ebenfalls fast den Tod anessen.

Die fünf, die bei einem richtigen Gelage waren, fuhr er an, mehr aus Gewohnheit und mehr aus Abscheu vor dem Bild, das sie boten, als aus Uberzeugung. Denn was konnten sie unter den gegebenen Umständen eigentlich anderes tun als sich einmal sattessen und einen Schnaps hinterhergießen!

Packt euch und schert euch zu eurer Truppe! herrschte er sie an.

Er erreichte aber nur, daß er wortlos angestarrt wurde, alle fünf kauten dabei weiter. Er stellte aber fest, daß drei von der Truppe des Obersten Schwandt waren, die eigentlich den Ort Pitomnik verteidigen sollte. Die beiden anderen hatten der zer- schlagenen 29. motorisierten Division angehört und hatten sich sieben Tage lang von Unterschlupf zu Unterschlupf getastet.

Tomas ging weiter, und er hörte es in einem LKW rascheln. Als der Taschenschein- werfer aufflammte, hatte Tomas einen Kerl über sich, der über einem aufgebrochenen Offizierskoffer hockte und ein silbernes Zigarettenetui in der Hand hielt. Vich! sagte Tomas und ließ die Szene in Dunkelheit zurückfallen.

Er fand einen einsamen Säufer, der in seiner Trunkenheit ihm überhaupt nicht bemerkte und sein Selbstgespräch nicht unterbrach. Es raschelte wieder, und Tomas hörte in einem Wagen das Stöhnen von Verwundeten. Einer sagte mit schwacher Stimme:Kamerad, wo bist du, was tust du, kommt Hilfe, werden wir wieder fahren?

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