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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Wand an Wand, ein riesiger Haufen verlassener Fahrzeuge die Durchfahrt verstopfte.

Viertausend Fahrzeuge, vielleicht auch fünftausend, Schätzte Tomas. Flak und Pak und LKW und PKW und Krafträder und Selbstfahrlafetten, Befehls-Omnibusse, Sanitãtswagen, Werfer, Funkstellen, Haubitzen, Zugmaschinen. Und wie sah es sechs Kilometer entfernt von hier auf dem Flugplatz aus! Und wie hatte es vorher in Marinowka, Dmitrewka, wie hatte es in Mowo-Alexejewka und in Dubininski ausgesehen, wie viele solcher Pulks hatte die in Agonie liegende Armee schon aus- gestoßen und auf ihren Fluchtstraßen zurückgelassen!

Diese Fahrzeughaufen waren verlassen und doch noch nicht ganz verlassen. Finmal noch, ehe die Welle kam und über sie wegging, zuckte und bäumte sich das Leben in ihnen auf, ein beklagenswertes, verzweifeltes, niederträchtiges, sich zäh um- klammerndes Leben. Es gab Brandherde, gab Benzintanks und Munitionskisten, auch ganze Munitionsladungen, die in die Luft gingen; es gab Verwundete, gab Sterbende, gab Schläfer, gab Fresser, gab Säufer, gab Plünderer in diesen Pulks. Tomas kam nicht weiter. Er konnte hier liegenbleiben bis spãtestens mit dem Morgen- grauen die Russen eintreffen würden. Er konnte sich wie viele Hunderte vor ihm Zu Fuß auf den Weg machen. Er konnte noch ein drittes, was andere Wagen nicht zu tun vermocht hatten versuchen, sich am Rand des Pulks durchzuwürgen. Und derKf? 15 begann, was er schon einmal in dieser Nacht mit Erfolg getan hatte, gegen den Schnee anzurennen, zog sich rückwärts wieder heraus und lief von neuem an. Tomas stieg aus, und wãhrend der Fahrer Meter um Meter, auch mit der Schaufel, einen Weg bahnte, holte er Bretter und Stücke und Mäntel und Zeltplane von den verlassenen Wagen, um sie auf der Schneedecke auszulegen.

So gelangte Tomas weiter in den Pulk hinein. Und blieb er auch nur am äußersten Kreis dieses weit hingebreiteten Fladens aus Rädern und Karosserien und Ladungen, überdachten oder nur mit Zeltplanen verhängten und mit Schnee überschütteten Kabinen und Räumen, und konnte er auch nicht wissen, was dieser Haufen an Heim- lichkeiten, an Verkrochenheiten, an Verzuckungen barg, so sah er doch manches. Und manches hatte er sechs und sieben und acht Tage vorher auf dem Wege von der Kampfgruppe Vilshofen zur Armee geschen, als Karpowka, Dmitrewka in Panik verlassen worden waren. Er kannte den schon wochenalten Armeebefehl, nach dem jeder Liter Brennstoff abzufüllen und der ausschließlichen Verwendung durch Kampf- fahrzeuge zuzuführen war. Als aber in Dmitrewka und danach auch in den anderen Steppen- und Etappendörfern der Stalingrader Westfront das große Räumen und Aufbrechen losging, da war plõtzlich Benzin da, und da hatte er die unmöglichsten Fahrzeuge, Sportwagen, Kabrioletts, Limousinen, bis zu schweren LKWs und großen Autoomnibussen aus den Gehöften herausrollen schen. Ein ganzes Heer von Beamten, von Trossen, Vermessungsleuten, Wirtschaftskommandos, Reparatur- kompanien, Rückwärtigen Diensten hatte sich in Bewegung gesetzt. Und was war nicht alles geladen und mitgeschleppt worden, wenn es unterwegs auch von den

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