nicht bis zu Ende hatte durchmessen werden können; doch darum handelte es sich in diesem Moment nicht.
Hauptmann Tomas wiederholte seinen Auftrag Pitomnik-Dorf betreffend. Schwandt wiederholte sein Wort von der„offenen Tür“. Mehr konnte Tomas von ihm nicht erfahren. Er war hier offenbar in etwas hineingeraten, das schon nicht mehr dieser Welt angehörte. Der Oberst starrte wieder die rauchende Petroleum- lampe oder die gefrorene Lehmwand an und hörte nicht mehr auf das, was Tomas weiter sagte. Der warf noch einen Blick auf das starrbleibende hagere Gesicht mit den grauen Bartstoppeln und den hellen ins Wesenlose gerichteten Augen und auf die auf dem Tisch liegende mattbräunierte Waffe, dann stieg er wieder in die Nacht hoch.
In einem anderen Bunker traf er zwei Soldaten, die hochfuhren, als er eintrat. Sie Saßen da bei einem Mahl, hatten Brot vor sich und Fleisch, das sie mit den Fingern den Büchsen entnahmen und in gefrorenem Zustand aßen.
Weiterkauend beantworteten die Soldaten die an sie gerichteten Fragen.
„Ach wo, da ist kein Gefecht, da geht Munition in die Luft!“ sagte einer. Es handelte sich um Munition, die auf Kraftfahrzeugen geladen war. Tomas erhielt auch ein Bild über das Vorangegangene, und er begriff, daß Oberst Schwandt keine Truppe mehr hinter sich hatte. Sieben Tage lang war er vom Karpowkatal her durch den Schnee gejagt worden, mit den Trümmern seines Regiments bis Pitomnik-Porf gelangt, hatte er die Herrschaft über seine Truppe verloren, als aus Richtung Pitomnik- Flugplatz und gleichzeitig von Westen her Fluchtkolonnen deutscher Kfz aufein- anderstießen; mit den nach Osten jagenden Haufen waren dann auch die Reste seiner Truppe davongestoben.
Tomas dachte an die bedrohte Lage Keils. Er kehrte nochmals in den Bunker des Obersten zurück, der noch in derselben Haltung wie vorher dasaß und sich auch nicht rührte, als der bei ihm eingetretene Hauptmann sich seines Fernsprechers bediente. Aber weder den Flugplatz noch das Verpflegungsamt mit Keil konnte Tomas erreichen, und so verließ er den Bunker zum zweitenmal.
Seinen Auftrag hatte Tomas durchgeführt, und so machte er sich auf den Rückweg. Die unter hohen Schneelasten ruhenden Bunker blieben hinter ihm liegen. Die Straße mündete in den Ort und in die von Westen kommende und weiter über Gum- rak nach Stalingrad verlaufende breite Heerstraße, deren von unzähligen Fahr- spuren und tiefen Furchen zerschnittene Fläche in glitzerndem Mondschein dalag. Gewehre, Maschinengewehre, Tornister, Munitionskästen, Tote, lagen im Schnee. Wie eine schwarze Klippe erhob sich mitten in der Fahrbahn ein gescheiterter Omni- bus, dann waren es zwei, dann ein Haufen zusammengerannter Wagen, die um- fahren werden mußten. Noch waren von Westen her einzelne Fußgänger unterwegs. Aus dem Schnee tauchten sie auf, zu zweien, zu dreien, in Kleinen Gruppen. In dieser Macht schleppten sie sich bis zum Ausgang des Dorfes, wo die Straße sich trichterförmig verengte, und wo, Rad an Rad und Kühler an Kühler und
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