Als Tomas aus dem Bunker Keils wieder herauskam, machte er sich sogleich auf den Weg nach Pitomnik-Porf. Tiflis und die Türken und die Japaner und die U- Boote, allerhand Optimismus! dachte er. Doch so mußte man die Lage selbstver- ständlich betrachten, man mußte sich bemühen, sie so zu betrachten. Doch wenn es sich so verhielt, daß Schwandt bei Pitomnik-Porf stand, hatte Keil eine unge- deckte Flanke, und der„Jüngste Tag“, von dem er sprach, könnte dann für ihn und seine Ostpreußen schon sehr bald aufdämmern!
Tomas kam über den Flugplatz.
Der Flugleiter war noch da. Bei ihm im Bunker lag der Condorführer. ist er- kältet, hat Fieber. Ein zarter Junge, ein Herr von Felseck. Hat von Mariupol An- weisung zu warten; man will ihm von dort einen Anlasser schicken. Wenn der nicht bald eintrifft, weiß ich nicht, was ich mit ihm anfangen soll. Mir scheint, wir müssen hier bald abhauen!“ meinte der Flugleiter.
Die Straße vom Flugplatz nach Pitomnik-Porf verlief schnurgerade. Im Sommer war es ein Weg über ebenes Land. Als Tomas jetzt die Straße durchfuhr, war es ein in den Schnee eingeschnittener enger Cañon. Die Schneewände rechts und links glitzerten in blauem Licht. Es ging glatt vorwärts bis an eine Stelle, an der ein Acht- tonner von Wand zu Wand quer auf der Straße stand und die Durchfahrt sperrte. Der Starke, vierradangetriebene Kfz 15, den Tomas fuhr, bohrte sich in den weichen Schnee ein, fuhr zurück, machte einen Anlauf und bohrte weiter. Der Fahrer und Tomas stiegen aus, sie gruben und schaufelten. Jenseits des Schneewalls knallte und flackerte es und rollte es wie von einem Infanteriegefecht. Der„Kfz 15 machte weitere Anläufe, und so würgten sie sich in einer Stunde durch den Schnee und gelangten auf der andern Seite des Hindernisses wieder auf die Straße. Bald danach fand Tomas Oberst Schwandt neben dem Weg in einem Bunker. Der Oberst saß vor einer Petroleumlampe, den Kopf in beide Hände gestützt; vor sich auf dem Tisch hatte er eine Pistole liegen. Er starrte seinen Besucher an wie eine Erschei- nung.
„Hauptmann Tomas!“ stellte Tomas sich vor und richtete seinen Auftrag aus: „Ich überbringe Herrn Oberst den Befehl der Armee: Pitomnik-Porf ist bis morgen früh 9 Uhr unter allen Umständen zu halten, um das Räumen von Pitomnik-Flug- platz zu ermöglichen!“
Oberst Schwandt rührte sich nicht, forderte den Hauptmann auch nicht auf, Platz zu nehmen. Es war auch nicht sicher, ob er vernommen hatte, was ihm überbracht worden war. Er war mit seinen Gedanken weit weg.
Nach einer Weile antwortete er, und er sprach wie über eine Sache, die weit hinter ihm lag, und an die er nur noch mit Anstrengung und nur gezwungen zurückzudenken vermochte:„Pitomnik-Dorf ist eine offene Tür, hier steht kein Mensch mehr!“ Aus der„Nase von Marinowka“ war Schwandt gekommen. Marinowka-Karpowka- Rogatschik waren die Etappen der Fluchtstraße, welche die Truppen aus dem Front- vorsprung von Marinowka zurückgelegt hatten, und es war eine Straße, die von vielen
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