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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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rasierte Seiten, und zurück blieb der Bruch, die auf die Seite Abgedrängten, in den Graben Hineingeratenen, in tiefem Schnee Festgefahrenen. An den Lenkrädern, die Füße an den Gaspedalen, die Hände an den Kupplungen, saßen Rasende; die daneben und die himen auf den Wagen hockten, waren ebenfalls aus Rand und Band Geratene und zitterten, wenn die Räder langsamer rollten.

Und wieder war es nicht so, daß russische Panzer die Haufen vor sich herjagten, daß russische Panzer sich in die Kolonnen einkeilten, die Kolonnen zerrissen und die Teile unter ihre Raupenbänder nahmen und zermalmten. Wieder war es nicht so, allein die Vorstellung, daß so etwas geschehen könnte, vielleicht auch die Tat- sache, daß in der gleichen Stunde so etwas geschah(ein Dutzend Kilometer weiter südlich), die Vorstellung und der über die Steppe herüberschwingende Schrecken genügten. Die Fahrzeuge stoben wie am Abend vorher nach Osten, Richtung Halte- punkt 44, ein Teil bog nach Gumrak ab, ein Teil wurde vorher nach Pitomnik-Porf abgedrängt und geriet dort in die von Westen kommenden Haufen, die nicht nur vor einer Vorstellung auf der Flucht waren, die von Panzern gejagt wurden, deren Besatzung die Panzer mit Augen sahen und auch gesehen hatten, wie Fahrzeuge von dem Gros abgeschnitten und in den Schnee hineingestampft und plattgewalzt worden waren.

Im Pitomnik-Verpflegungsamt war es nicht so. Die Geschosse eines durchgebrochenen einzelnen Panzers waren über der Schlucht krepiert. Die Gruppe Keil lag nach wie vor im Raketenwerferschlag und im Feuer russischer Panzer, aber sie hielt ihre Linie. Major Keil war ein Draufgänger und hatte immer Glück gehabt, sowohl was seine Aufgaben und die Durchführung seiner Aufgaben und schnelle Beförderung als auch sein persönliches Ergehen anbelangte. Die Aufgabe, diese Schlucht zu ver- teidigen, und der Zustand, in dem diese Schlucht(mit den offenen Türen zu den Brot-, Fleisch-, Schokoladen-, Getränkebunkern) sich plõtzlich befand, mit ihm als einzigem Herrn über dieses Schlaraffenland, war da nur ein Punkt in einer langen Reihe, ein dicker Schlußpunkt vielleicht, das konnte man nie wissen. Nicht etwa, daß Keil nicht alles getan hätte, die Zahlmeister mit ihrem Gefolge zur Vernunft zu bringen.Aber da war nichts zu machen, die hörten nichts mehr und sahen nichts mehr! erzählte er Tomas, der Keil in einem ausgeräumten Bunker vor einem Fern- sprecher gefunden hatte.

Keil sprach mit einem Karl, mit einem Paul, mit einem Emil, gab Anweisungen, bestimmte die Linie, auf die seine Leute, sobald es völlig finster sein würde, zurück- gehen sollten, und fügte hinzu:Heute gibt es Rindsgulasch.. und was ist es noch, Heinrich? fragte er den eintretenden Koch.Also hörst du, mit Nudeln!... Nein, das ist kein Kohl, die Gulaschkanone raucht, guck dich mal um, da mußt du den Bauch über der Schlucht aufsteigen sehen! rief er in den Fernsprecher hinein.

Es war in der Tat keinKohl, die Gulaschkanone rauchte und war bis zum Rand gefüllt. Der Koch hatte nur in den Schnee hineinzugreifen. Dort lagen die von den

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