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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Tut mir leid, Herr Tomas, habe inzwischen in der ganzen Gegend herumdrahten lassen. Niemand weiß was, keine Spur! wurde er vom Flugleiter empfangen. Hauptmann Tomas sauste schon weiter. Im Auftrag der Armee hatte er einen Obersten Schwandt zu finden, der mit seiner Truppe Pitomnik-Porf bis zum anderen Morgen neun Uhr, bis das Verpflegungsamt geräumt sein würde, halten sollte.

Die beiden Jus starteten. Der zurückbleibende Condormann blickte ihnen nach, blickte dann trübe über den weiten Platz. Soldatenhaufen zogen vorbei, wie Rauch stiegen sie aus dem Schnee auf und trieben quer über das Feld. Der Atlantikflieger vergaß, daß ihm hundekalt war. Wie können Gewehre, sogar Maschinengewehre in die Hände solcher Haufen kommen, Haufen wandernden Unrats! Keine Füße, Lumpensäcke sind es, auf denen sie sich bewegen. Keine Mäntel es waren einmal Mäntel. Es sind nur ausgestopfte Bälge, auf dem Rücken Decken, Kochgeschirr, auch mal ein Kochtopf, auch mal eine bunte Bettdecke und aufgelesene Holztrümmer, Brennholz für die nächste Unterkunft, nichts als Gelump. Und Gesichter, Augen und Backenknochen und Nase hervorscheinend aus und Gehänge von Dreck und Fetzen und Barthaar.

Finer trat an den Flieger heran, streckte die Hand aus und deutete auf die Zigarette, die der Flieger im Mund hielt. Die Hand, er hatte sie aus der Tasche gezogen, war umwickelt bis zu den oberen Gelenken der Finger, die mit ihren Nägeln wie schwarz- polierte Krallen aus den Bandagen hervorragten. Das Gesicht zerknittert, kurz- sichtige braune Augen. Der Mann mußte einmal eine Brille getragen haben, kreis- runde Ringe von Schorf wo die Brillenfassung, ein Wulst aus Schorf wo der Brillen- bügel einmal die Haut berührt hatte. Der Flieger machte keinen Zug an der Zigarette mehr, er starrte den Mann an.

Wohl verbündet? fragte er.

Der Mann verstand nicht.

Wohl ein Kroate? fiel dem Flieger ein.

Mensch, mach kein' Schmus, gib die Kippe schon her! der Soldat. Er er- hielt die halbe Zigarette, machte einen gierigen Zug. Es war der Soldat Ewald Stüwe. Er machte noch einen Zug, gab den Rest weiter an August Fell, auch Liebsch durfte einmal zichen. Die Leute stapften weiter. Kochtöpfe klapperten, das Gelump an Decken und Dingen an ihren Rücken schwankte. Deutsche Soldaten, vorderste Kampflinie! begriff der Flieger. Das war der Moment, in dem er vergaß, daß ihm hundekalt war.

Am Rande des Flugfeldes hielt der Kübelwagen. Hauptmann Tomas sprang heraus, trat an einen Mann heran, betrachtete ihn noch einmal genau und packte ihn an beiden Schultern:Menschenskind, Latte!

Hannes. Hauptmann Tomas!

Sag schon Hannes! Und was macht ihr hier?

Wir setzen uns ab. Wir sollen nach Woroponowo.

Und der Alte!

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