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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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leuchtungskörpern(mit dem Schreibtisch Timoschenkos, wie es hieß) aus Stalin - grader Hausruinen, mit eigener Gemüsefarm, Meierei usw., war es Seit einigen Tagen dem Oberbefehlshaber der Armee und dessen Stab überlassen worden.

Das war der von den Frontzusammenbrüchen bisher unberührt gebliebene Norden. Und hier auf diesem Gelãnde hatte es vorkommen können, daß der Nachrichten- führer einer Infanteriedivision spazierengehenderweise an die inzwischen nahe heran- gerũckte Infanterielinie und auf einen bekannten Hauptmann stieß, aus seiner Tasche eine zufãllig dort befindliche Haferprobe herauszog, den Hauptmann danach greifen und dann nicht nur einige Kerne, sondern eine ganze Handvoll Hafer aufknabbern Sah, und so erst begriff, was er bisher nicht gewußt hatte: daß sein Bunker von einer Woge des Hungers umgeben war.

Da hatte es vorkommen können, daß der Kommandeur einer bei Höhe 107 liegenden Artillerieabteilung eines Tages eine Gruppe Soldaten- wie aus Grãbern und Sůmpfen aufgestiegen, erschienen sie ihm über den Steppengraben herüberkommen sah und daß er, als er auf seine FrageWohin?Stalingrad erwidert bekam, und auf seine FrageWoher? die Auskunft:Karpowka,Baburkin,Sapadnowka, Rossoschka erhielt, erst begriff, daß die ganze deutsche Front ringsherum zu- sammengebrochen war.

Da hatte es vorkommen können, daß ein bei Gumrak liegender Funkerleutnant in der Nacht an seiner BunkertürKlopfen hörte und nicht aufmachte, am anderen Morgen aber die Tür nicht mehr aufbrachte und er Hilfe von außen herbeirufen mußte, welche die Leichname von drei Soldaten, die vor der Bunkertür eingeschneit und erfroren waren und nun die Tür blockierten, wegzuräumen hatte; und diese drei Soldaten waren nun die ersten eines nicht mehr abreißenden Zuges Verhungernder, die sich fortan bis an die Bunkertüren und in die Gassen der Bunkerdörfer hinein- schleppten und deren Leichen nicht mehr aus dem Wege geräumt wurden.

Und da in einer Schlucht bei Gumrak hatte auch jener von Carras erwähnte Komman- dierende General seine Unterkunft. Nachkomme eines bekannten Reiterführers und Haudegens Friedrich II., ein Herr mit dreißig Dienstjahren und weißem Haar; und als er auf der Straße Gumrak-Gorodischtsche zum erstenmal einem Zug maroder Soldaten begegnete, blieb er stehen, und offenen Auges ließ er die düstere Parade Zerlumpter, Wankender, an Stõcken Humpelnder, Apathischer an sich vorbeiziehen; und keiner hob seinen Kopf, hob seinen Blick zu ihm auf. Wieder in seinem Bunker angelangt, rief der Kommandierende General Verwundeten- und Krankensammel- Stellen an. Er ließ sich mit dem Generalstab der Armee, mit dem Generalarzt, mit dem Chef der Armee, mit dem Oberbefehlshaber verbinden. Er schlug Alarm, und es war nichts als ein ohnmächtiger Protest, und er wußte es! Von Anbeginn der Binkesselung an hatte er auf Beendigung des unhaltbaren Zustandes und auf einen organisierten Durchbruch nach Westen gedrängt. Er hatte das Sterben aufdammen schen, und er wußte, daß es nun schon sicbenundfünfzig Tage dauerte, er wußte, daß die Verwundeten- und Krankensammelstellen außerstande waren, die Massen

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