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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Die Ringbahn bot die letzte Verteidigungslinie. Ein Eisenbahnstrang, vom Wolgaufer und zum Stadtzentrum über Gorodischtsche und Gumrak an fünfzehn Kilometer in die Steppe hinausführend, nach Süden um- biegend und über Woroponowo und Pestschanka zum Wolgaufer zurückkehrend, bezeichnete etwa den aus gefrorenem Lehm und Schotter und Schnee gebildeten und von zerlumpten, ausgemergelten, hohläugigen Soldaten besetzten Wall, hinter dem, auf engem Raum zusammengepreßt, das Schicksal der 6. deutschen Armee sich vollzichen sollte.

Der Morden und die bei Gorodischtsche und Gumrak in Schluchten und Finklüf- tungen geduckten Bunkerkolonien mit ihren Artilleriestellungen und Stabsquartieren waren seit den Tagen des deutschen Vormarsches zur Wolga wie eingefroren und blieben auch jetzt noch fast unberührt. Da war der Tulewojgraben, in den heißen Herbsttagen und bis in den Movember hinein hatte er Wellen von Panzern und Stürmender Infanterie verschlungen und den Namen Todesschlucht erhalten. Da waren Grab an Grab und Kreuz neben Kreuz und es gab da Nummern lange verschollener Regimenter die Todesgevierte der großen Stalingrader Soldaten- friedhõfe. Da war die Armeeverwundetensammelstelle Gorodischtsche und das armeelazarett Gumrak, und auch sie waren nichts als Auffangstellen für die vor ihren Toren wachsende Gräbersteppe. Da waren Artillerieregimenter, die noch pferde, noch gefütterte Pferde, besaßen, sie hatten in den Sommer- und Herbst- tagen in weiter Umgegend fouragiert. Da waren Artillerie-, Armeenachrichten-, Armeeversorgungstruppen, oder die übriggebliebenen Stäbe dieser Truppen, auch Korpsstãbe, die ebenfalls fouragiert hatten, die ebenfalls verproviantiert waren und auf alte Bestãnde hatten zurückgreifen können, und die in ihren in einsamen Schluch- ten gelegenen Bunkern so gut getarnt waren, daß sie nicht nur nicht gesehen wurden, Sondern daß auch sie Selbst von dem auf den Hauptstraßen vorbeihumpelnden hohl- äugigen Elend kaum etwas gesehen hatten.

Hier befand sich auch das Bunkerdorf der 71. Infanteriedivision, nach seinem Kom- mandeur, dem General von Hartmann, dasHartmannsdorf genannt; und mit Seinen noch im Herbst erbauten und mit Holz verschalten Winterbunkern, aus- gestattet mit zusammengetragenen Finrichtungsgegenständen, mit Möbeln und Be-

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