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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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erschütternd. Schließlich handelte es sich doch um Generale, um Oberste, von denen jeder seine Hand auf Tausenden und Zehntausenden von Männern ruhen hatte. Von Ausbruchsunternehmungen reden sie und gehen soweit(bei dem Unternehmen Donnerschlag haben sie das getan), Befehle zu erteilen und Munition und Aus- rũstungsgegenstände und Dinge, die auf dieReise nicht mitgenommen werden können, in die Luft zu sprengen, nur um am nächsten Tag alles wieder rückgängig zu machen und sich dann noch ärmer und noch mehr des Notwendigsten beraubt wiederzufinden. Nichtsdestoweniger beginnen sie sofort neue Unternehmungen zu planen, und nachdem auch diese neuen Unternehmungen sich nicht realisieren lassen, oder sie ihnen von außen verboten werden, sagen sie: Nun, auch gut! Wir bleiben also an Ort und Stelle, und wir werden rausgehauen von außen! Wer soll sie denn raushauen, die Japaner etwa! Denn was Manstein und die geschlagene Heeresgruppe Don anbelangt, die hat den zertrümmerten Hooth und den Zusammen- bruch der Ponfront noch nicht überwunden, und für die ihr zugehörige 6. Armee hat man dort allerdings viele schöne Worte, aber niemand gibt für diese Armee auch nur noch einen Heller!

Finen hat er angetroffen, den Kommandierenden General in einer der Schluchten bei Gumrak, dieser allerdings sicht Kar genug und hat begriffen, daß die Armee bei ihrer Heeresgruppe bereits abgeschrieben ist. Dieser General, ein weißhaariger Herr, alte preußische Soldatenfamilie, hat die Hand am Puls des Kranken und regi- striert mit klarem Blick die Sprünge des Fieberthermometers. Kein Wunder, daß seine Nerven beben, daß Unruhe ihn schüttelt, daß es ihn nicht an der Stelle duldet, handelt es sich doch um die fortgeschrittene Paralyse eines Organismus, von dem er mit seinem Armeekorps und mit allen seinen Männern ein Teil und in dem er selbst mit Haut und Haaren eine Zelle ist, und kann ihn doch nichts darüber täu- schen, daß alle Symptome nur auf den bevorstehenden Tod des Patienten schließen lassen.

Finen hat er getroffen, vielleicht gibt es noch einen zweiten, einen dritten, aber insgesamt: ein Bündel flackernder Hoffnungen, getrübter Urteilsfãhigkeit, gelähmter Entschlußkraft. Fürwahr ein Feld für einen Psychiater, hier ist ein aufs Brett ge- spanntes Objekt zur Beobachtung einer Massenpsychose, wie die Geschichte noch keins geliefert hat. Notizen für eine Denkschrift über das Nachlassen der psychi- schen Tätigkeit, das Stumpfwerden der geistigen, moralischen und körperlichen Widerstandskraft, über Phänomene der zum Massentod führenden neuartigen Kesselkrankheit wären hier zu machen. Aber dazu ist er nicht hergeschickt worden, das ist nicht seine Aufgabe, darüber wollen OKKH und Führerhauptquartier nichts wissen, darũber braucht er keine Merkworte festzuhalten; und, mein Gott, nicht nur der Kommandierende General in Gumrak, nicht nur der Flakkommandeur in der HKI., nicht nur der Verwundete auf dem Flugplatz Pitomnik, auch er ist jetzt in diesen Untergang verhaftet mit Haut und Haar und Zähnen, und auch er ist eine Zelle des aufs Brett gespannten verzuckenden Organismus.

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