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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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hatte. Gestört durch das unaufhörliche Kommen und Gehen in seinem Quartier, dazu bedrückt von der Kellerluft, hatte er in der Spitze der hohen Hausruine neben dem Artillerie-Beobachtungsstand eine Art Absteige bezogen, wo er tagsüber einen weiten Ausblick auf das Stalingrader Trümmerpanorama und über die gefrorene Wolga hinüber auf das weite flache Land am andern Uffer hatte. Er hatte sich hier einen aus dem Schutt gezogenen Sessel und als Ablage für einen Aschenbecher und etliche Utensilien ein Regal aufstellen lassen; und da saß er jetzt im Mantel und in Pelzschuhen(die Fensterhöhle war mit Holz und Fetzen abgedichtet) und hielt einen Schreibblock auf den Knien. In Stichworten faßte er seine ersten Fin- drücke über den Stalingrader Kessel zusammen.

In die Augen springend: völliges Versagen des Nachschubs. Mangel an allem. Rapides Sinken der Kampfkraft der Truppe. Rumtreiberei, Disziplinlosigkeit, wilde Gerüchtemacherei in voller Blüte. Bei den Stäben Verwirrung, überall herrscht eine gefãhrliche Nervositãt. Die Hoffnung auf Hilfe von außen zeitigt hier als andere Seite einen Verfall des Glaubens an die eigene Kraft

Es waren Stichworte für einen Bericht(oder noch besser für einen mündlichen Vortrag) an oder im OKH, der von der offiziellen Auffassung natürlich nicht allzu- weit abweichen durfte, wenn im übrigen Carras auch seine eigenen und weiter- gehenden Gedanken über die Sache hatte. Er war in Pitomnik, war in Gumrak, war an der Nordriegelstellung, war auch an der Südfront gewesen; und wenn er sich auch erst einige Tage im Kessel befand, So hatte er doch mit Dutzenden Offi- zieren, mit den Chefs von Stäben, mit Kommandeuren, auch mit zwei Korps- kommandeuren gesprochen, und bei aller Scelischen Robustheit war er erschüttert. Jeder Mensch außerhalb des Kessels, ein xbeliebiger Hauptmann, wie er einen acht Tage vorher im Schlafwagen München -Berlin getroffen hatte, ganz zu schweigen von den Offizieren im OKH, wußte mehr über die Lage der Eingekesselten als diese Selbst. Und im OKKH gab es keinerlei Ilusionen über das Schicksal der 6. Armee mehr; wenn man sich dort auf die Zahl, auf die fast 300 oco Kämpfer berief und man daraufhin Optimismus heuchelte, so nur deshalb, weil das offiziell verlangt wurde. Jeder einzelne aber wußte, daß die Zahl nichts bedeutet, und wußte, daß man auch in großen Haufen nicht ungestraft sündigen, auch militärisch nicht sün- digen darf, und daß die Katastrophe in diesem Falle nur um so größer sein wird! Diejenigen aber, die es zuallermeist anging, die es persönlich betraf- Männer von nüchterner Uberlegung und mit Urteilsfãhigkeit und Entschlußkraft so muß man bei Truppenführern doch annehmen waren ahmungslos. Nervosität, Kopflosig- keit, Verzweiflung anzutreffen, nun, das wäre allerdings noch verständlich und bei der Lage der Dinge auch nur natürlich;das Ausschwingen des Pendels aber nach der anderen Seite hin und bei Kommandeuren von Regimentern, von Divisionen, von ganzen Armeekorps, bei Vierzig- und Fünfzigjährigen, also mit zwanzig- und dreißigjãhrigem. Dienstalter, einen reinen Kinderglauben und ein geradezu mysti- sches Vertrauen auf dasVersprechen des Führers anzutreffen das allerdings war

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