Lawkow wanderte durch die Nacht.
Die Nacht war durchstöbert von Schnee und durchflackert von Salvengeschützen, auch Einschläge aus Granatwerfern spritzten auf. Lawkow wußte kaum, daß er sich bewegte. Und er wollte nicht wissen und nicht daran denken, was es war und wie- viele es waren, die sich hinter ihm her bewegten. Im Geiste waren es viele— an 1000 Mann zählte das Bataillon, als es aus der Mordriegelstellung herausgezogen wurde, an 400 zählte es noch, als Hauptmann Henkel es übernehmen sollte— nein, er wollte nichts denken; aber trotz der bleiernen Müdigkeit jagten Bilder, Z0gen Gesichter, hallten Stimmen in ihm auf, und es waren Gesichter von gestern und waren Stimmen, die in Wirklichkeit nicht mehr tönen konnten.
Leutnant Lawkow erreichte die Schlucht.
Er stapfte weiter, schlurfte den Hang hinunter, und auch hinter ihm stapften und schlurften Schritte. Er stand vor dem Erdloch, vor dem Fingang zum Bunker seines Regimentskommandeurs. Und er dachte nichts, aber in ihm dachte es und ließ ihn handeln und ließ ihn kommandieren, als befände er sich auf dem Exerzierplatz in Arys in Ostpreußen :
„In Linie angetreten!“
Der Ton(aus vergessener Vergangenheit) war es, der denselben Lawkow, der ihn ausstieß, sich kerzengerade aufrichten ließ. Der Ton aus vergessener Vergangen- heit war es, der die Männer funktionieren und Haltung annehmen ließ. Der Ton aus vergessener Vergangenheit war es, der den vor dem Bunker des Kommandeurs aufgestellten Posten ein gespenstisches Bataillon sich in Reih und Glied auf- stellen sah.
Leutnant Lawkow schritt an dem aufgestellten Posten vorbei, durchmaß mit drei Schritten den Vorraum des Bunkers und betrat das mit Brettern verschalte Erdloch. Da saß der Regimentskommandeur im Schein einer Lampe.
Der Kommandeur blickte auf, mit beiden Händen packte er die Tischkante und starrte den Kleinen Leutnant, seinen Bataillonsführer an, der sich in der Haupt- kampflinie zu befinden hatte, aber im eisverkrusteten Mantel vor ihm stand. Wieder dachte es in Lawkow und es ließ ihn sprechen:
Lawkow stand da, grade wie ein Licht. Oberst Lundt sprang auf, kreidebleich und seine Stimme bebte:„Was ist los, Lawkow? Wo haben Sie Ihr Bataillon?“ Leutnant Lawkow antwortete:
„Das Bataillon steht draußen. Ich muß Ihnen sagen, Herr Oberst, das Bataillon besteht noch aus vier Mann!“
In der gleichen Stunde saß Oberst Carras in seinem am gleichen Tage eingerichteten„möblierten Zahnstocher“. Aus dem Armechauptquartier in einer Schlucht bei Stalingradski war er nach Stalingrad geschickt worden, wo er in einer großen Kaufhausruine, dem Sitz eines Regimentsgefechtsstands, Quartier bezogen
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