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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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anderen nach seiner Schuld. Nein: er forderte niemand dazu auf und wollte von keinem eine Beichte hören. Und was hätte Kalbach, was hätte der junge Haupt- mann von Hollwitz, was hätte der bleiche Knabe, der endlich mal allein sein wollte, was hätte das hingestreckte einsame Opfer beichten können! Sein hingelegtes kleines Pfund hätte die Schale des Zorns niemals so hoch heben können, und keiner auf dem Wege von der Rossoschkaschlucht nach Pitomnik und von Pitomnik über Gumrak und weiter nach Stalingrad büßte nur die eigene Schuld.

Das Opfer sühnt für alle!

dieses Zeichen sah der Priester aus dem Schnee bis in den Himmel aufragen, und es war ihm nicht von dieser Welt. Da war es: wieder gekommen, fordernd und richtend, das Verkehrte ordnend, das Gespaltene zusammenfügend, das Krumme gerade richtend. Diesem Zeichen ging er entgegen durch den Schnee, und er segnete nicht mehr. Die Finger waren ihm erfroren, und die Hand, welche die Kapsel mit dem heiligen Ol umklammerte, war wie taubes Holz geworden. Und nicht nur dem von Osten wehenden eisigen Wind beugte er den Kopf entgegen.

Er wanderte über apokalyptisches Land.

General Vennekohl hatte recht behalten!

Veilchen is überhaupt nich zu machen, ich tippe auf Sonnenblume! hatte er gesagt. UndVeilchen war nichtzu machen. Diese Widerstandslinie hatte ein großes Loch gezeigt. Die Trümmer der an der Westfront aufs Haupt geschlagenen 376. Infanterie-Division und der 29. Infanterie-Division(mot), diese Haufen waffen- loser und sterbender Männer waren ohne Aufenthalt durch Pitomnik und weiter- gezogen; und die noch von weiter, aus der Nase von Marinowka, kommende 3. I. D. (mot) war schon vorher in Schneesturm und Panik, und zum Teil unter den Rädern und Ketten der eigenen Fahrzeuge zugrunde gegangen. Der für diese Division vor- geschene Sektor der Verteidigung blieb unbesetzt. Angehaltene und nach vorn zurückgeführte Truppen konnten das Loch nicht mehr zustopfen. Die anschlie- ßenden Truppen mußten zurückgehen, auch die Kampfgruppe Keil, auch die Kampf- gruppe Vilshofen , auch das Regiment Lundt.

Wenn nun aber die Linie trotz entgegengesetzter Befehle zurückfiel, Pitomnik sollte gehalten werden, wenigstens für drei Tage oder für zwei Tage oder noch einen Tag solange bis die Bunker des sich dort befindlichen Verpflegungsamtes geräumt sein würden. Zu den Finheiten, die in der Flut zusammenfallender und weichender Truppen in weitem Bogen um Flugfeld und Dorf Pitomnik einen Brückenkopf zu bilden hatten, gehörte auch das Regiment Lundt, auch die Kampfgruppe Vilshofen , auch die Kampfgruppe Keil, auch ein Regiment Schwandt.

Und dort, nur einige Kilometer östlich und jenseits des Fisenbahndammes saßen in der tief eingeschnittenen Tulewojschlucht die Stãbe, in einem Bunker der Chef

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