Roggen und 3 Zentner Hafer liefern, das ist allerhand, und 25 Heu und 90 Kar- iem
Die Stimme des Phantasierenden wurde leiser.
„Morgen werde ich das letzte Korn dreschen, dann die 25 abliefern.. warum nach Stalingrad , nun gut also, daß sie mich bloß in Ruhe lassen... Wenn bloß der schreckliche Krieg mal ein Ende hätte... Auf dem Bahnhof wird schon wieder Stroh verladen. Aber wir geben keins ab. Hörst du, Martha...“
„Du, Martha, denkst du noch...“
Eine Schneeflocke setzte sich auf die Nase Kalbachs, eine andere setzte sich auf seine Lippen, der Schnee blieb liegen. Und wieder wurde die Hälfte einer Erken- nungsmarke abgebrochen und gelangte in die Manteltasche zu den anderen. Protestanten, Katholiken, Heiden..
Allen teilte er seinen Segen aus. Wer den Heiland haben wollte, dem teilte er ihn mit. Wer ohne den Heiland sterben wollte, den ermahnte er nicht. Worte sind billig geworden und ohne Kraft. Den Zitternden hielt er die Hände, den Sterbenden legte er die Spitze seiner Finger auf. Den Verschiedenen hauchte er den Mutter- kuß auf die Stirn. Mit jedem Sterbenden starb er und mit jedem Leidenden fühlte er eigne Schuld anwachsen.
k— ein Zeichen, der Wehrmachtpfarrer der 376er, Vikar aus Höxter , Bergarbeiter- sohn aus dem Oberhausener Kohlenpott, war kein Schriftgelehrter, dieses Zeichen aber war in ihm, und er sah es aus dem Schnee aufstehen und bis zum Himmel wachsen. Daß es e i n Zeichen ist und daß aus anderen geographischen und geistigen Zonen der Menschheit andere Zeichen, etwa TA0O, etwa GEFRECHTIGKEIT, etwa VERNUNET, an die gleiche Stelle gesetzt sind, das ging ihn nichts an, er war ein schlichter Sohn seiner Kirche.
Binige Zeichen,— gleichviel, wenn sie das gleiche zum Ausdruck bringen. Finige Zeichen, aber nur eine Wahrheit. Und die Menschheit ist von der Wahrheit abge- fallen. Sie hat keine Mitte mehr. Ohne Mitte Zerfall der menschlichen Bindungen. Keine Verpflichtung mehr, die Wahrheit zu sprechen, das Rechte zu tun. Das Wort ist billig. Macht ist gleich Recht geworden.
Henker in der Hitlerarmee sind dem Wahnsinn verfallen, und Priester in der Hitler- armee sind dem Wahnsinn verfallen, die einen in letzter Absonderung, die anderen zermalmt von Schuld und unterspült vom Chaos.
Schuld, Sühne!
Wenn Ursache ohne Wirkung, wenn Schuld ohne Sühne bleiben könnte,— das Gleichgewicht der Welt wäre gestört, und kein Bestand der Dinge wäre, und nur noch Vorkehrung.
Und das kann nicht sein!
Und Knochen aus der Hose herausspießend, Gedärme aus dem Bauch hervor- quellend, Augen in Irrsinn verkehrt, Menschen in Schluchten zerstampft wie in irdenen Töpfen. Und der kniende Priester fragt nicht den einen und nicht den
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