den Schwerverwundeten Tote, und einer war Steiger. Er war nicht sofort tot, er hob seinen Kopf noch einmal. Den großen Vogel sah er davonstieben und dunkle Menschenbälle von sich abschütteln. Er sah auch auf dem Schneefeld die Haufen der Verdammten, die zurückhlieben. Und der sterbende Steiger fragte sich und antwortete:„Habe ich ein Haus ange- zündet?— Nein! Habe ich einem Bauern die Kuh aus dem Stall genommen?— Nein! Habe ich die Wolga nötig gehabt?... Nein, nein, nein! Doch andere haben sie nötig gehabt. Und Häuser sind angezündet, Kühe sind geraubt, Witwen ist das 5 Brot aus dem Tischkasten genommen worden. Und Frauen und Kinder— meine Augen haben sie geschen— sind verschleppt worden. Hauptmann Steiger, Kupfer- schmied Steiger, du bist mitgegangen... Zur Esse, zum Blasbalg, zum Haus in der Unteren Kochengasse führt kein Weg mehr. Du stirbst... nicht für Bopfingen , nicht für das Härdtfeld, nicht für Deutschland , für ein Stück Kalmückenerde. Das ist die Schuld!“ Noch ein Blick aus verlöschenden Augen. Ein weites, weißes Feld, und das war eng geworden. Mit der Masse heulender, verzweifelnder, kraftlos nach Osten davon- taumelnder Gestalten war es ein weißglühender Tiegel mit auftreibenden grauen Schaumblasen. Fin Schmelztiegel— und der Schaum wird abgehoben und auf den Gekrätzhaufen geschmissen. „Und das Krumme wird grade. Ja und Amen!“ So starb Hauptmann Steiger.
Uber Pitomnik wurde es finster. In der Mitte der weite Flugplatz, umgeben von einem Wall von Bunkern. In Reihen abgestellte Panzer, Lastwagen, Planwagen, Personen- wagen, Zugmaschinen, Hunderte nach der einen, Hunderte nach der andern, Hun- derte nach noch anderen Richtungen ausstrahlend, dicke Schneekappen auf den Plan-, den Blech-, den Stahlgehäusen, ohne Brennstoff, ohne Leben; gleich den Straßen einer verlassenen Stadt standen die langen Reihen der Fahrzeuge da. Und sie waren verlassen und aufgegeben. Und einige Kilometer südlich Pitomnik-Porf (es waren in diesem zerbombten Ort nur noch wenige Hütten vorhanden, und das Leben hatte sich schon seit langem unter die Erde und in Bunker verkrochen) war
erlassen und aufgegeben. Offenstehende und sich im Wind bewegende Türen. An den Verwundetenzelten flatternde Zeltfetzen. An Tür- und Bunkerwänden An- 3 schriften:„OrtskKommandantur— Deutsche Feldpost— Waffenmeisterei— Munitions- ausgabe— Emlausungsanstalt— Tankstelle— Verpflegungsamt— Flugleitung— Stab Brenken— Versprengtensammelstelle“... aber kein Mensch, nirgends ein Mensch. Auf Kraftfahrzeugen, auf Pferdefahrzeugen, auf Wagen, auf Schlitten.. an Wagen, an Schlitten hängend, abstürzend und zu Fuß weiterhumpelnd, und von nach- kommenden Kolonnen— das waren die aus allen Himmelsrichtungen des Kessels vor dem Verpflegungsamt eingetroffenen und nachher davonjagenden Gefährte— auseinandergesprengt, überfahren, von vorwärtsgepeitschten Pferden umgerissen und
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