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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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ist auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Der OB ist wieder mal umgezogen, in eine Balka hinter Gumrak. Da haben sie den General Hartmann mit seinem Stabe rausgeschmissen; die hatten sich da fabelhaft eingerichtet, und die mußten nun nach Stalingrad umziehen... Lindt war viel zu kaputt, um etwas dazu zu sagen; und Döllwang war zu beschäftigt mit eigenen Gedanken.Stalingrad mit den Stãben ist der Kopf, wir hier mit unsern täglichen Abgängen sind so etwa der Arsch, und Pitomnik mit dem Flugplatz ist der Nabel, durch den wir geätzt werden; und so- lange der nicht abgerissen wird, kann es noch weitergehen! Mit diesem Bild hatte Wedderkop seinenLagebericht noch abgerundet, ehe er sich die Kappe übers Gesicht gezogen hatte und eingeschlafen war. Döllwang hatte noch lange in den vom Feuer rostrot durchglũhten Qualm geblickt; er hatte das Schnarchen der Männer hinter der Lehmwand gehört und hatte auch an Berlin gedacht, an sein stilles und sauberes Zimmer dort, an die unsichtbar wir- kenden und alles in Ordnung haltenden Hände der Tante; auch an den Flug hatte er gedacht an die fliehende Armee, an die Ankunft in Pitomnik.. nachher der Stabsbunker, dann die Front, die Verteilung der Verpflegung, und Vilshofen , vor allem und wieder hatte er an Vilshofen gedacht und daran, wie Vilshofen seine Ant- worten den Onkel betreffend und die Auffassungen im OKH den Stalingrader Kessel betreffend aufgenommen hatte. Stunden waren vergangen, und jetzt stand Latte vor den unter Decken und Män- teln ruhenden Schläfern. Er weckte seine Ablösung, Oberleutnant Wedderkop, und nachdem der aufgestanden war, kroch er an dessen Platz. Und nun war es Latte, der nicht einschlafen konnte. Hinter der Lehmwand hörte er die hereinkommenden abgelõsten Posten. Einer war Wilsdruff , ein anderer der Magdeburger Bankangestellte Krämer, noch ein andrer einer der Neuen, der fußkranke Kalbach. Hier sind wir doch schon mal gewesen, sagte einer. Auch die andern hatten die Gegend wiedererkannt, in der sie während des hundert Tage währenden Sturmes auf Stalingrad einmal in Ruhe gelegen hatten.Hier in der Schlucht haben damals Kroaten gelegen, erinnerte sich Krämer:Das war hier ein Leben, da wimmelte es nur so von Russenfrauen, die sie hierher verschleppt hatten. Die trugen Wasser, und wuschen Wäsche und stopften Strümpfe, naja und nachts, da mußten sie dann auch herhalten und mit auf die Pritsche! Na, sowas hat's bei uns denn doch nicht gegeben! warf Kalbach ein. So, meinst du? sagte Wilsdruff :Ich weiß bloß, daß gerade hier in der Schlucht, dahinten, wo die Panzerleute in Ruhe lagen, alles wie gesprenkelt von weggeschmis- senen Pariser Tütchen war, so hat das hier beim Vormarsch ausgeschen! Latte lag da und horchte auf das Gerede der Leute, bis es allmählich verstummte. Auch dann fand er noch keinen Schlaf, und auch er dachte an Vilshofen und nur an Vilshofen an den Panzerkommandeur Vilshofen bei Charkow , am Mius, auf der Ponsteppe, über den Zymlja, über den Don wegsetzend, in Stalingrad ein- dringend; er dachte daran, wie Vilshofen sich auf den Trümmern seines Panzer-

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