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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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dabei, es war eine flotte Melodie, welche er vernahm. Auch Leutnant Latte, der die Posten kontrolliert hatte und zurückkehrte, hörte das Pfeifen und war nicht weniger verwundert. Als er bei Vilshofen eintrat, sah er diesen vor dem Feuerloch stehen, lang und hager, im zerfetzten Mantel, die Enden des Schals herabhängend, die Ohrenklappen der Pelzmütze weit abstehend; und im Schein des flackernden Feuers erinnerte er Latte als Vilshofen sich umwandte und ihn anblickte, hatte er diese zerzauste und zerrupfte Erscheinung vor sich an ein Bild von Don Qui- chotte.

Vilshofen pfiff eine Melodie aus Carmen.

Latte mit seinem Blick anrührend, sagte er:Das Leben ist eine große Sache! Latte kam aus der vorderen Stellung, wo in dieser Stunde der Unteroffizier Matzke zusammengebrochen und im Schnee begraben worden war.

Leben, Herr Oberst... stammelte Latte.

Haben Sie diesen Kerl gesehen, Gnotke heißt er, ich habe mir das Soldbuch geben lassen und ihm seinen Weg nachgemessen, so einer müßte(Vilshofen klopfte mit der Faust gegen seine hagere Brust)da so tot sein, daß es keiner Artillerie und keiner Mine und keines Hinrichtungskommandos mehr bedürfte, und, ich kenne die Bestimmungen, so ist es auch beabsichtigt. Doch dieser räumt Minen-, räumt Leichenfelder, Schmort in der Donschleife, schmort bei Wertjatschi, schmort im Stalingrader Kessel und kann dabei natürlich kaputt gehen, aber das wäre nur äußerlich. Was wichtiger ist, er findet einen Gimpf, ein hilfloses Baby, und sorgt dafür sorgt für einen Hilflosen: stellen Sie sich das vor seine Hände sind nicht nur für Totes, sie sind für Lebendes da, und so lebt er selbst und wird bis zur letzten Stunde wie ein Mensch leben, und das ist ein Triumph! Schaffen Sie sich einen Gimpf an, Latte, und Sie werden leben! Für uns müßte es da wohl der ganze Haufen sein; mehr noch, an unser ganzes Volk müssen wir denken. Aber da müssen wir fragen, wohin wir unsern Haufen führen und wohin schließlich unser Volk geführt wird, wohin, Latte?

VWohin, Herr Oberst?

In den Tod... um nichts, und Schlimmeres gibt es nicht! Und da pfeifen Herr Oberst den Toreromarsch? Ja⸗ Latte, gestern wollte ich kapitulieren, heute... was wollte ich denn heute,

was kann einer, der sich geschändet am Boden wiederfindet, noch wollen ein Stoßtruppunternehmen anführen und aus; aber auch das war schon nicht mehr gangbar. Ja, als Stalingrad noch ein Ziel war, aber es ist ein Topf des Sterbens ge- worden, und da sitzen wir drin, ja, da sitzen wir drin. Einer frißt den andern; wer Schwach ist, fällt; wer krank ist, bleibt liegen; und das ist folgerichtig. Wer krank ist und nicht mehr zum Futtertrog kriechen kann, ist schwache Rasse. Wer aber den andern bestiehlt und sich selbst den Bauch stopft, der wird einige Atemzüge länger leben und ist bessere Rasse.. haben Sie, Latte, haben Sie schon Leich- name mit aufgeknackten mit ausgesaugtem Hirn gesehen?

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