Er prallte zurück— Döllwang , rasiert, gewaschen, glatt mit blanken klugen Augen. Unmõglich! Doch es war ebenso wahr wie das Grauen, das noch in ihm schwang. Walter Döllwang stand vor ihm.
„Zur Kampfgruppe Vilshofen kommandiert..*, vernahm er, und er sah die sich ihm entgegenstreckende Hand. NMur nicht das, nur nicht auch noch das! Und Döllwang hatte dieses hohle, ausgebrannte Gesicht und die wie Fackeln lodernden Augen vor sich, und er mußte sich zusammenreißen, um sein Erschrecken ob des veränderten Aussehens seines väterlichen Freundes sich nicht anmerken zu lassen.
Wedderkop meldete sich von seinem Transport zurück. Er hatte Hauptmann Steiger im Feldlazarett Pitomnik, die übrigen achtzehn Verwundeten— außer zwei— nicht im Feldlazarett Gumrak, sondern auf dem Friedhof Gumrak abgeliefert. Und mit- gebracht hatte er, das machte auf Vilshofen den stärksten Eindruck, an Proviant einen halben Tagessatz.
Ein halber Tagessatz! 50 Gramm Knäckebrot(eine Scheihe und dazu eine kleine Ecke), 8 Gramm Mittagskost 7 Erbsen), 25 Gramm Abendkost(einen Bissen Fleisch), 5 Gramm Getränke waren zu diesem Zeitpunkt der volle Tagessatz, und Wedderkop hatte nur einen halben Tagessatz erhalten. Döllwang stand neben Vils- hofen, der, ausgenommen die Erbsen, die sofortige Verteilung der Rationen ver- anlaßte und die Ausgabe überwachte. Und für jeden Mann, der vorbeikam und die Hand ausstreckte, hatte Vilshofen ein Wort oder doch einen Blick. Aber er tröstete niemand, seine Aufmunterungen waren grimmiger Art. Und es verlangte einen Döllwang, der Vilshofen als einen schweigsamen und seine Worte genau sctzenden und genau abwiegenden Mann gekannt hatte, den zerrissenen und leidenden Men- schen hinter den Worten zu erkennen.
Vor sich in einer sich ausstreckenden schmutzigen Soldatenhand das Stück Knäcke- brot und aufgelegt das daumengroße Stück Büchsenfleisch sagte er:„Verflucht mager, was, Hannes!“ Zu einem andern:„Teile es gut ein, damit noch was zur Morgenkost bleibt!“ Zum dritten:„Wieviel Schweine hat dein Alter zu Haus im Stall, Vogt?“—„Man bloß eins, Herr Oberst!“—„Na, sichst du, da geht's auch knapp her!“ Zum vierten, einem Lehrer:„Das Fletschern nicht vergessen, das verlängert den Genuß!“ Zum fünften:„Wieviel Kinder hast du, Wilsdruff ?“— „Herr Oberst wissen ja, fünf!“—„Ein Glück, daß du nicht mit deiner Familie teilen mußt!“ Zum sechsten:„Nun, Matzke, armer Teufel, machst deine letzten Schritte, ich hätte dir eine bessere Henkersmahlzeit gewünscht!“
Er ließ niemand aus.
„Der gedeckte Tisch, da haben wir ihn!“—„Und jetzt nach vorn und zum Mach- tisch einen Straußwalzer!“(Die nächtlichen Propagandasendungen aus den russi- schen Stellungen wurden mit Musikübertragungen eingeleitet.)„Was war das gestern eigentlich für ein Stũckꝰ“ fragte er den nãchsten.—„Aus Rigoletto, Herr Oberst!“—
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