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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Aufgabe zu lösen hatte, etwa die Bewegung einer 1ooo- Tonnen-Last auf einer Weg- strecke von 100 Kilometern betreffend, dann handelte es sich für ihn um die Zu- sammenfassung von Gegebenheiten an Pferdekräften(des Motors oder Tiers), um Beschaffenheiten, um zu überwindende Schwierigkeiten und Möglichkeiten; und schon als Knabe hatte er Wagenräder auf sandigem Feldweg einsinken und lang- samer als auf glatter Straße rollen sehen, und schon auf dem Gut seines Onkels hatte er erfahren, daß es bestimmter Mengen an Stoff bedarf, um zu bestimmten Leistungsmengen oder anderen Stoffmengen zu gelangen, Hafer und Grünfutter und Körner, um Zugleistungen oder Milch oder Fier zu erzielen, und auch das wußte er, daß man eine Kuh nicht vor den Wagen spannen und sie dann abends noch wie nach Zeiten der Ruhe melken kann; auch Wärme, Anhänglichkeit, Ruhe waren ihm in elementarsten Erscheinungen einem Nest voll junger Vögel, dem samtweichen Maul eines Pferdes, einer sich in seine Hände einbohrenden, Spitzen Hundeschnauze, der massigen Ruhe einer wiederkäuend daliegenden Kuh ver- traut geworden und hatten sein Wesen mitgebildet.

Und was den andern anbelangte, so hatte er wie jeder sein Herkommen und seine Familie, aber diese Hamilie kannte er fast nur aus dem Familienphotographiealbum. Der Herr Konsistorialrat im schwarzen Gehrock und mit dem verhärmten Gesicht war der Vater, die Dame mit der steilen Falte zwischen den Augen und dem hoch- getürmten Dutt die Mutter, die andere Dame mit frommem und ergebenem Gesichts- ausdruck eine im Hause lebende Tante. Diese Potsdamer Konsistorialratsfamilie hatte ihm zwar das Leben gegeben, und sie hatte ihn auch eine Reihe von Jahren zu erhalten gehabt; aber sie war ihm ebenso fremd geblieben, und er lehnte sie ebenso ab, wie die meisten gesellschaftlichen Gegebenheiten, und sie hatte ihm in der Haupt- sache auch nur zur Erlangung eines einwandfreien Ahnenzeugnisses und zur Fr- dichtung einer Reihe gespenstischer Vorfahren gedient. Und nicht nur in der Be- zichung zu seiner Familie, auch sonst war sein Leben ein Wegstreben von den Quellen gewesen, und seine(eistige) Existenz beruhte auf Fiktionen ebenso wie die Ideen nationalsozialistischer Großraumpolitik und Großraumwirtschaft undarischer Menschen- und Völkerführung, welchen er diente.

Diese beiden, Döllwang und Wedderkop, hatten die gleiche Straße zu fahren, die Wedderkop in der Nacht vorher gekommen war. In Pitomnik hielten sie vor dem Verpflegungsamt an(¶Wedderkop hatte am Tage statt drei oder vier Verpflegungs- sãtzen, mit denen die Truppe rechnete, nur einen halben Verpflegungssat?z erhalten), und nachher fuhren sie zur Versprengten-Sammelstelle, wo sie für ihre dezimierte Truppe Ersatz haben sollten.

Vor dem Verpflegungsamt, d. h. vor der von der Landstraße abbiegenden und zur Landstraße zurückliegenden Schlucht, an der sich, Bunker neben Bunker, die Knãckebrot-, Fleisch-, Hülsenfrüchte-, Getränkelager befanden, stieg Wedderkop dieses Mal erst gar nicht ab. FEs war dort noch wie am Vormittag, nur daß jetzt Finsternis über dem Pulk lag, über den aus allen Himmelsrichtungen eingetroffenen

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