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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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diesem zu, und seine Gedanken schweiften noch weiter ab. Er kannte den anderen DPöllwang, den Onkel, er kannte ihn seit Zwanzig Jahren. Und was da jetzt an dem geschehen ist, ist das Ende einer Entwicklung. Bis auf die Zeiten des Generalobersten von Fritsch geht das zurück. Natürlich: Fritsch hat recht behalten, und insofern hat Pöllwang heute recht, den Ereignissen und auch jenen gegenüber, die zu diesen Breignissen gedrängt haben. Der Blick Gönnerns ging in die Ferne. Zum zweiten Male in dieser Stunde dachte er den gleichen Gedanken. Aber wieso müssen diese Dinge den jungen Mann, der nichts damit zu tun hatte, betreffen: Kommandeur- erfahrung, natürlich, jeder Generalstäbler braucht Praktische Erfahrung. Aber welche Erfahrung kann er hier sammeln, und vor allem: welche Zeit wird ihm bleiben, Sseine Erfahrung zu verwerten?!

Ein Bataillon sollten Sie haben, Döllwang . Aber ich habe kein Regiment mehr, und wir haben auch keine Bataillone mehr. Wir haben zusammenlegen müssen, und wir sind jetzt daran, die Reste zu Kampfgruppen zusammenzufassen. Ich denke, wir werden Sie Vilshofen schicken! Das wird doch in Ordnung gehen?

Die letzten Worte waren an den Chef des Korpsstabes gerichtet.

Der bestätigte die Erklärung Gönnerns.

Den Wedderkop habe ich zurückgehalten, der kann Döllwang mit nach vorn neh- men! sagte der IA.

Und Hauptmann Henkel?

Hauptmann Henkel ist zum Regiment Lundt kommandiert!

Also dann: wie besprochen! Gott befohlen!

Als Döllwang , begleitet vom IA, das Erdloch verließ, blickte Gönnern ihm nach, und in der Richtung, in der Döllwang verschwunden war, starrte er noch eine Weile ins Leere. Zum drittenmal in dieser Stunde dachte er den gleichen Gedanken, den er auf sich selbst und seine eigene Lage und den er auf den alten Kameraden Pöllwang bezogen hatte, und in den er jetↄt den Neffen, den jungen vierundzwanzig- jährigen Hauptmann, einbezog; dieses Mal Sprach er, ehe er sich seinen weiteren Angelegenheiten zuwandte, den Gedanken aus:Wir sind Objekte!

Döllwang und Wedderkop, beide junge Männer, beide mit einer Erzichung militä- rischer Art, waren verschieden voneinander. Und schon mit dem auf das Sachliche und Mögliche gerichteten Erziehungsweg des einen und dem auf Förmliches und zugleich auf Irrationales und Unmögliches gerichteten Erzichungsweg des andern hatte sich Vorhandenes und Mitgebrachtes weiter ausgeprägt. Es war nicht zufällig, daß Pöllwang Musik liebte und er sich einer Melodie oder dem strudelnden und rauschenden und zu Harmonien strebenden Strom eines Musikwerkes bis Zur Selbst- vergessenheit hingeben konnte, und das war ihm keine Zerstreuung, sondern die andere Seite seiner sonstigen an Zirkel und Rechenschieber gebundenen strengen Beschäftigung, die er ebenfalls bis zur Selbstvergessenheit ausüben konnte. Es war ein Vnterschied zwischen beiden jungen Männern, und wenn der eine eine abstrakte

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