Flüchtende Truppen, ganz unglaublich und doch unverkennbar, sie flogen tief genug, um genau sehen zu können, es waren flüchtende deutsche Truppen. Und weiter, immer noch in Bodennähe. Der gefrorene Don blieb links liegen. Aber auch weiter auf der Steppe Wagenkolonnen,— leichte und schwere Kfz, Kübel-, Werkstatt-, Volkswagen schienen ein Wettrennen zu machen, und im hohen Schnee versuchte der eine den andern zu überholen. Panzer, einer mit abgedecktem Oberteil, ein anderer ohne Raupenbänder und nur auf seinen nackten Rollern, bewegten sich hinter vor- gespannten Zugmaschinen, alles blieb zurück, auch die wie graue Raupen sich durch den Schnee windenden Infanteriekolonnen versanken hinter dem Horizont... Weite weiße Steppe, Pferdekadaver, umgeworfene Kanonen, auf leerem Feld eine Abteilung mittelschwerer Geschütze, die Pferde eingespannt, ein Teil in den Strängen ineinander verknäãult, ein Teil verendet im Schnee liegend, und kein Fahrer dabei, weit und breit kein Mensch zu sehen. Und wo war die Front,— Sie erhielten plõtzlich Feuer aus Flakgeschützen und hatten noch keine Front geschen! Die Ju zog auf- wärts durch Wolken. Oben über der Wolkendecke war heller Sonnenschein. An 2000 Meter links eine zweite Ju, ebenfalls nach Osten fliegend. Sonst nichts als der leere helle Raum. Nach einer Stunde ging es herunter, sie durchstießen die geschlos- sene Wolkendecke, und unten lag eine langgestreckte riesige Stadt— oder war es ein langgestreckter riesiger Steinbruch? Häuser ohne Dächer, ausgehöhlte Betonskelette, . ausgefranste Fassaden, wie riesige Zahnstocher aufragende Steinfetzen. Sie befanden sich über Stalingrad . Eine Wendung von 180 Grad und— eine glatte Landung auf dem Flugplatz Pitomnik. Ein weites weißes Rollfeld, darauf wenige Schneespuren. Die Weite aber belebte sich— schon als die anfliegende Ju in der Luft zu hören war, hatte es begonnen— und jetzt humpelten und stolperten sie über den Plan, Scharen Verwundeter. Die Ju war sofort umringt. Die Kabinentür war von Köpfen, von Armen, die in Verbandpackungen steckten, von zerlumpten Gestalten, von blau- gefrorenen Gesichtern blockiert. Es war kaum möglich, das Gepäck herauszuschaffen. Die Wache mußte erst eine Gasse frei machen; und nachher war es kaum möglich, die auf᷑ Bahren liegenden Schwerverwundeten durch die Gasse und in die Ju hinein- zubugsieren. In einer halben Stunde sollte die Ju wieder starten. Und wo war die zweite Ju geblieben, die mit Brot aus Mariupol nach Pitomnik bestimmt war, nichts von ihr zu sehen oder zu hören. Carras nahm seinen Koffer entgegen, das verbeulte Wrack eines Koffers nur nock. „Ich hab ihn noch eben retten können. Die ganze Horde ist drüber weggetrapst, und aufgegangen ist er dabei auch, Herr Oberst!“ meldete sein Bursche, der ihm den Koffer brachte und den Deckel, der sich jetzt nicht schließen lassen wollte, nochmals öffnete. Alles lag wüst durcheinander, Pyjamas, Rasierzeug, Schnee, der beim Zusammenlesen mit hineingekommen war, ein Toilettennecessaire, ein Photo- album, dieselben Dinge und derselbe Koffer, den Margot— darüber wären erst zweimal 24 Stunden hingegangen— sorgfältig gepackt hatte. Aber Carras hatte keine
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